Description
In dieser Folge sprechen wir mit der Historikerin Kornelia Kończal über die Beziehung von Geschichtspolitik, Erinnerungskultur und Rechtspopulismus in Polen. Im Zentrum von Kończals Analysen steht der von ihr geprägte Begriff des “Erinnerungspopulismus”, mit dem sie beschreibt, wie im Zusammenspiel von staatlichen Akteuren und rechten Grassroots-Aktivisten reduktionistische und ethnonationalistische historische Narrative hergestellt und popularisiert werden. An Beispielen wie dem polnischen Holocaust-Gesetz von 2018 oder dem Mythos von den “verfluchten Soldaten” verdeutlicht Kończal, dass derartige Geschichtsbilder längst keine Nischenangelegenheit der extremen oder populistischen Rechten, sondern für das Gros der politischen Akteure in Polen anschlussfähig sind. Als Konsequenz stellt die Historikerin u.a. die Stärkung der Public History als Fach an Universitäten als eine Möglichkeit in den Raum, auf Geschichtsbildern fußenden Hegemoniegewinnen der extremen Rechten entgegenzutreten.
Kornelia Kończal ist Juniorprofessorin für Public History an der Universität Bielefeld und leitet dort das von der VolkswagenStiftung geförderte Freigeist-Projekt Mnemonic Populism in Contemporary Europe. Nach der Promotion am Europäischen Hochschulinstitut in Florenz (2017) war sie am Max-Weber-Kolleg in Erfurt, am Hannah-Arendt-Institut in Dresden und an der LMU München tätig. Ihre Forschungsschwerpunkte sind die Sozialgeschichte des Eigentums und des Kulturerbes nach 1945, die transnationale Geschichte der Geistes- und Sozialwissenschaften seit dem späten 19. Jahrhundert sowie die Wechselbeziehungen zwischen Politik, Gesellschaft und Erinnerung.
Rechtsruck und Hegemonie
In dieser Serie werfen wir einen hegemonietheoretisch und kulturwissenschaftlich inspirierten Blick auf den europaweiten Aufstieg des Rechtsextremismus. Mit unseren Gästen rücken wir dabei verschiedene europäische Länder, ihre Rechtsaußen-Parteien und deren Wähler:innen in den Fokus. Vor dem Hintergrund der multiplen Krisen der letzten Jahrzehnte fragen wir danach, an welche sozialen Erfahrungen die extreme Rechte in der Konstruktion politischer Bedeutungen anschließt, um Führung und Gefolgschaft zu organisieren. Schließlich diskutieren wir die daraus erwachsenden Herausforderungen für die Demokratie und die Strategien, mit denen dieser Situation begegnet werden kann.
Konzeption und Entwicklung: Kolja Lindner (Associate Professor für politische Theorie an der Universität Paris 8; 2025/26 Gastdozent des Deutschen Akademischen Auslandsdienstes an der Freien Universität Berlin) und Josephine Starke (Doktorandin in der Soziologie an der Universität Leipzig; wissenschaftliche Mitarbeiterin am Centre Marc Bloch)
Bibliographie
Kornelia Kończal: The Invention of the “Cursed Soldiers” and its Opponents: Post-war Partisan Struggle in Contemporary Poland. In: East European Politics and Societies, 34(1). 67-95.
Kornelia Kończal: Politics of Innocence: Holocaust Memory in Poland. In: Journal of Genocide Research, 24(2). 250-263.
Kornelia Kończal: Persistent Legacies of Communism, or the Ongoing Purification of Public Space in post-1989 Poland. In: European Review, 30(4). 490-504.
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