- Speaker #0
Ich bin noch ganz froh mit meinen Eindrücken.
- Speaker #1
Den Sentier zu gehen bedeutet eigentlich jedes Mal, dass etwas anderes passiert.
- Speaker #2
Es ist sowohl der Kontakt mit der Natur als auch das über sich hinauswachsende Klar. Es gibt auch schwierige Momente.
- Speaker #1
Ist es so, dass Sie hierher wollen? Ja. In Etappen nimmt dich mit auf die schönsten Wandertouren in Europa und Großbritannien. In Staffel 2 geht's nach Frankreich, in die Normandie. Wir pilgern auf einem der ältesten Pilgerwege Europas, 100 Kilometer in vier Etappen, zum Mont Saint-Michel. Und damit hi zu Staffel 2. Falls ihr Staffel 1 von In Etappen noch nicht gehört habt, stelle ich mich nochmal ganz kurz vor, damit ihr wisst, mit wem ihr hier unterwegs seid. Ich bin Jasmin. Ich liebe es, draußen zu sein, in der Natur zu wandern, am liebsten längere Touren, mehrere Tage am Stück, wenn es irgendwie geht. Ich schlafe dabei gerne im Zelt oder unter freiem Himmel, bin großer Fan vom Wandern in Barfußschuhen. Und ja, was für mich unterwegs auch immer mit dazu gehört, ist, Menschen zu begegnen und mehr zu erfahren über die Orte, an die ich reise. Und genau davon sollt ihr hier im Podcast auch ganz viel mitbekommen. Wir sprechen nicht nur übers Wandern und übers Draußensein, sondern Ihr seid wirklich mit dabei auf meiner Tour. Ihr trefft die Menschen, die ich unterwegs treffe. Merci beaucoup. Merci. Ihr erlebt große Momente mit mir. Gerade ein ganz besonderer Moment. Ja. Ja. Du machst dich lustig über mich. Und natürlich bekommt ihr auch viel mit von Geografie, Geschichte und Kultur entlang des Weges. Vielleicht starten wir direkt mal mit einem kleinen Überblick zu Normandie, damit ihr wisst, wo genau wir unterwegs sein werden.
- Speaker #3
Die Normandie liegt im Nordwesten Frankreichs direkt am Ärmelkanal. Die Region ist bekannt für ihre abwechslungsreiche Landschaft. Von langen Sandstränden über schroffe Steilküsten bis hin zu weiten Wiesen und Apfelhainen im Landesinneren. Besonders im Westen, in der Basse Normandie, dort, wo wir in diesem Podcast unterwegs sein werden, ist die Natur eher ländlich geprägt. Die Winter sind mild, die Sommer selten zu heiß und Regen gibt es kleemäßig. Darum ist es hier immer sattgrün. Die Region ist reich an Geschichte und Kultur. Die Landungsstrände des D-Days, die gotische Kathedrale in Rouen, die Gärten von Claude Monet und natürlich der Monster Michel locken jährlich über 15 Millionen BesucherInnen in die Normandie. Und auf Kulinarisch gibt es hier einige Highlights. Die 3C, Cidre, Calvados und Camembert. Dazu frischen Fisch, Meeresfrüchte oder die Agneau du Présalé, denen wir später noch begegnen werden.
- Speaker #1
Ich habe es ja zu Beginn schon gesagt, wir sind in dieser Staffel unterwegs auf einem der ältesten Pilgerwege Europas. Aber ich möchte es schon mal vorwegnehmen, nicht, dass ihr vielleicht falsche Erwartungen habt. Es wird in dieser Staffel nicht um Religion gehen. Ja, wir werden an Kirchen vorbeikommen und wir werden auch das ein oder andere religiöse Ritual miterleben. Das klingt dann zum Beispiel so. Aber man muss gar nicht christlich sein oder anders religiös, glaube ich, um davon berührt zu sein. Ich war auf dieser Tour mit Frank unterwegs, meinem Mann, und in der allerersten Nacht im Zelt, kurz vor dem Start der Tour, als wir im Dunkeln in unseren Schlafsäcken lagen, haben wir uns genau darüber unterhalten, was denn der Unterschied zwischen dem normalen Wandern und dem Pilgern ist.
- Speaker #0
Naja, also klar, es gibt an sich vielleicht gar nicht so einen großen Unterschied. Auf der einen Seite, ich meine... Was mir spontan auffällt oder in den Sinn kommt, ist, hier ist es ja auch so wie auf dem Jakobsweg, dass man ein Ziel hat, also dass man sagt, man wandert zum Mont Saint-Michel. Und das ist ja auch was, in dem Fall mit einem Heiligen zu tun hat. Mit dem Erzengel Michael in diesem Fall, deswegen auch Saint-Michel. Ich glaube, das ist so das spontane, das Erste, was mir eben einfällt. Das ist... Vielleicht um diese spirituelle Begleitung geht auch ein Stück weit beim Pilgerweg.
- Speaker #1
Ja, wahrscheinlich ist es schon auch so, dass die Motivation vielleicht ein Stück weit eine andere ist, wenn man pilgern geht und das auch von Anfang an so bezeichnet. Ich glaube, dass dieses Bewusstsein, ich begebe mich auch irgendwie auf eine innere Reise, Ähm Schon von Anfang an da ist. Ich glaube tatsächlich, also mir geht es zumindest so, jede Wanderung ist am Ende auch eine Reise zu mir selbst. Aber bei so einer Pilgertour ist es tatsächlich auch ein Stück weit gleich von Anfang an die Motivation. Wir haben tatsächlich schon mal Erfahrungen mit den Pilgern gemacht. Wir sind vor über 20 Jahren zusammen den Jakobsweg gelaufen, Frank und ich, von den französischen Pyrenäen bis zum Cap Finisterre. Damals gab es ein paar größere Themen in unserem Leben und da hat der Weg schon geholfen, diese sechs Wochen on Tour zu sein. Und wir haben auch heute noch ganz innige Freundschaften zu Menschen, denen wir damals auf dem Weg begegnet sind. Also das begleitet uns ein Stück weit bis heute. Vor der Tour jetzt ist alles ziemlich ruhig in unserem Leben, aber so eine ganz kleine Herausforderung sehe ich schon, weil wir diese Wanderung nicht nur zu zweit machen werden, sondern als Teil einer Gruppe. Ich bin durch einen Bericht auf die Wanderung zu Mont-Saint-Michel gestoßen. Darin ging es um die Compagnons du Sentier. Das ist ein Verein, der hat seine Base in dem kleinen Ort Champs-Secrets in der Normandie und von dort startet auch die Tour. Bertrand ist Vorsitzender des Vereins und durch ihn hat das Pilgern zu Mont-Saint-Michel in den letzten 15 Jahren einen absoluten Boom erlebt. Und das ist passiert, ohne dass Bertrand das vom Start weg so beabsichtigt hätte.
- Speaker #4
Das erste Mal, dass ich den Sentier gelaufen bin, das war vor 15 Jahren. Zwei Jahre davor war ich auf dem Jakobsweg. Ich war zwei Monate unterwegs und diese Erfahrung hat mich wirklich tief bewegt. Ich suchte nach einem Ort, an dem ich ein ähnliches Abenteuer erleben konnte. Dann bin ich zufällig auf einen kleinen Reiseführer gestoßen, der gerade von der Vereinigung Association des Chemins de Saint-Michel herausgegeben worden war. Also habe ich drei Freunde angeschaut. angerufen und gesagt, hey, habt ihr Lust zum Mont Saint-Michel zu laufen? Und so haben wir dieses Abenteuer zum ersten Mal erlebt. Ja,
- Speaker #1
und dieses erste Abenteuer hat Bertrand extrem bewegt.
- Speaker #4
Und ich fand all das wieder, was ich auf dem Jakobsweg hatte. Die Begegnungen, die Landschaften, die Vorfreude und dann... Eine wirklich majestätische Ankunft am Mont Saint-Michel. Man kommt barfuß in der Bucht an, die Sonne scheint, eine Dimension der Natur, die mich wirklich berührt hat. Damals wussten wir nicht, wo wir auf dem Mont Saint-Michel schlafen sollten. Niemand oder die Menschen. Oder nur sehr wenige Menschen wanderten diesen Weg. Ich habe auf der Esplanade des Mont Saint-Michel geschlafen und wirklich eine bewegende Nacht dort verbracht. Es war ein Moment der Erfüllung und Vollkommenheit. Ich fühlte mich am richtigen Ort, zur richtigen Zeit, mit den richtigen Menschen. Ein sehr stiller, aber erfüllter Moment.
- Speaker #1
Und Bertrand war von dieser Erfahrung so berührt, dass er ein Buch geschrieben hat.
- Speaker #4
Ich hatte mich damals verletzt und saß zwei Monate lang zu Hause fest. Also stand ich morgens auf und dachte mir, ich würde gerne einen kleinen Bericht über diese Reise schreiben. Und dann fing ich an zu schreiben. Ich schrieb und schrieb, Tag und Nacht, wirklich zwei Monate lang. So entstand dieses Buch, La Porte Mysterieuse du Mont Saint-Michel. Und das hat dann sogar ein Verleger gefunden.
- Speaker #1
Und in diesem Buch hat er am Ende einen kleinen Vermerk mit seiner E-Mail-Adresse hinterlassen.
- Speaker #4
Ich bekam E-Mails aus der ganzen Welt, wirklich von überall her, von Leuten, die mich fragten, ist diese Geschichte wahr? Gibt es Chance Cré wirklich? Gibt es wirklich einen Pilgerweg zum Monster Michel? Ja, antwortete ich. Und dann sagten mir die Leute, dann können wir ja das gleiche Abenteuer wie im Buch erleben. Ja, wenn Sie wollen, begleite ich Sie.
- Speaker #1
Und so hat sich das Ganze rumgesprochen. Sogar im Radio und im Fernsehen.
- Speaker #4
Fünf Jahre später ging ich im Lunter, um alleine loszulaufen, so wie ich es normalerweise tat. Aber da standen auf einmal 100 Leute vor der Tür. In Paris hatte es eine Radiosendung zum Sentier gegeben. Da habe ich mir gesagt, okay, wir müssen einen Verein gründen, wir müssen das strukturieren. Und wir werden die Compagnons du Sentier gründen. Mit den Leuten, die den Weg schon kennen, die begleiten können. Denn wenn viele Leute mit dabei sind, dann ist es alleine. Es gibt immer Abstände, die sich vergrößern, die man verringern muss, damit es flüssiger läuft, damit nicht alle in einem großen Pulk laufen müssen, sondern jeder in seinem Tempo laufen kann.
- Speaker #1
Mittlerweile wird Bertrand durch viele weitere Kompagnons dabei unterstützt, Pilgerinnen und Pilger zum Mont Saint-Michel zu begleiten. Von März bis Dezember gibt es mehrmals im Monat. die die Compagnons du Sentier anbieten. Und bei der allerersten in diesem Jahr im März sind Frank und ich mit dabei. Unsere Gruppe, die besteht aus etwas über 40 PilgerInnen und Compagnons. Und so in der Gruppe zu wandern, das ist so eine Aufgabe für mich. Auf der einen Seite möchte ich es echt gerne mal ausprobieren. Aber naja, Gruppen sind so im normalen Leben nicht ganz so mein Ding. Ich brauche relativ lang, bis ich meinen Platz gefunden habe. und Ja, möchte vor allem niemand auf die Nerven gehen und außerdem ist es natürlich so. Wir sind jeden Tag 20, 30 Kilometer mit Gepäck unterwegs. Wenn man das ganz im eigenen Rhythmus machen kann, dann ist alles fein. Aber funktioniert es denn auch so, wie Bertrand es eben gerade angesprochen hat, dass man trotzdem auch als Teil einer Gruppe seinen eigenen Rhythmus laufen kann? Das werden wir sehen. So, los geht's! C'est parti! Wir reisen mit dem Auto in die Normandie nach Champs-Écrits. Das sind von uns so circa neun bis zehn Stunden Fahrzeit, wenn es gut läuft. Wir wohnen in der Nähe von Stuttgart und auf der Hinfahrt machen wir noch einen Overnight-Stop in Reims. Den Champagnerkeller von Veuve Clicquot dort, den lassen wir aus, aber wir gehen noch einkaufen in den Supermarkt. So, heute Abend steht in Champs-Écrits das gemeinsame Essen mit den... anderen Pilgern an und deswegen sind wir hier jetzt noch in dem großen Carrefour und kaufen mal ein bisschen was ein. Also wir haben jetzt schon Hummus, wir haben ein bisschen Baguette Brot, Tomaten, suchen jetzt noch ein paar Oliven, dass wir dann auch wirklich was dabei haben, was wir teilen können. Merci! Und falls ihr Staffel 1 von Inetappen gehört habt, dann überrascht es euch vermutlich auch nicht, wenn ich euch jetzt erzähle, dass wir natürlich auch noch in ein Sportgeschäft müssen. Schatz, was suchen wir?
- Speaker #0
Eine Regenhose? Nein, Spaß! Nein, eine Funktionsunterhose. Ich habe tatsächlich meine Funktionsunterhose vergessen. Und das ist schon wichtig beim Wandern.
- Speaker #1
Vielleicht sollte ich in Zukunft einfach deinen Rucksack packen, bevor wir starten auf die Tour.
- Speaker #0
Ich habe ja eine Liste, aber ich weiß gar nicht. Ich muss daheim, wenn wir zu Hause sind, mal gucken, ob die Unterhosen tatsächlich draufstehen.
- Speaker #1
Ich muss tatsächlich auch mal ganz kurz gucken. Ich weiß überhaupt nicht, was Unterhose auf Französisch heißt. Ah, es ist sehr einfach. Unterhose heißt einfach nur Slip. So, Proviant und Unterhosen sind eingekauft. Ich hole mir noch einen Kaffee. Und dann geht's los. Route zu Champs-Ecrits starten. Wir wollen am Nachmittag in Champs-Ecrits ankommen, sodass wir unser Zelt aufbauen können, solange es noch hell ist. Und vorher schauen wir noch auf einen Bauernhof vorbei. Der befindet sich etwas außerhalb des Dorfs. Die Normandie, ihr habt es vorher gehört, ist... kulinarisch bekannt für die drei C. Calvados, Cidre und Camembert. Und einen der besten Camemberts der Normandie, den gibt's tatsächlich in Champs-Ecrés. Jérémy ist Fromager auf der Ferme de Champs-Ecrés und er verrät uns, was den Camembert von hier so besonders macht.
- Speaker #5
Unser Camembert hat gleich mehrere Auszeichnungen. Die geschützte Ursprungsbezeichnung AOP, es ist ein Bio-Chamembert aus Heumilch, was bedeutet, dass die Kühe zu 100% mit Gras und Heu gefüttert werden, was sehr wichtig ist für den Geschmack. Und er ist ein Camembert-Fermier, also er stammt von einer einzigen Herde zu 100% normannischer Kühe.
- Speaker #1
Außerdem wird der Käse hier noch gefrühstückt. ganz traditionell hergestellt.
- Speaker #5
Der Camembert wird mit einer Kelle geformt. Also 5 Kellen, 5 durchgehen wir alle 40 Minuten. Das ist ganz traditionell. Das wird wirklich von Hand gemacht.
- Speaker #1
Für das Kennenlern-Abendessen mit den PilgerInnen und Kompagnons am Abend nehmen wir einen Camembert mit. Und ich habe vorgesorgt. Vermutlich wirst du jetzt gleich lachen. Ich wusste ja, dass es hier diesen guten Camembert gibt. Und ich habe von zu Hause extra... eine Tupperbox mitgenommen, dass wir die möglichst geruchsfrei in unseren Rucksäcken transportieren können. Gut, gell? Wir fahren zurück ins Dorf. Den ganzen Tag über hat die Sonne gescheint. Wir sind unter einem blauen Himmel durch die idyllische Landschaft der Normandie gefahren. Es war ein wirklich mega entspannter Roadtrip. Und als wir jetzt auf dem Platz vor der Kirche in Champs-Écrits ankommen, wird so langsam Abend. Die Kalksteinhäuser entlang der Dorfstraße, die sind in ein ganz besonderes Licht getaucht. Gegenüber der Kirche befindet sich das Headquarter der Compagnons, das Pub The Secret Night. Und dort werden wir schon erwartet. Bonjour! Die Jasmin ist da. Das ist er. Valérie ist Bertrands Partnerin und eine der Kompagnons. Und sie hat für den Start ein paar Infos für uns.
- Speaker #6
Also, ich gebe euch dieses kleine Pilgerheft mit einer kurzen Erklärung zum Donativo. Es ist wie bei einer Pilgerreise nach Santiago. Ein Ausweis, den man jeden Tag abstempeln lässt, wenn man eine Etappe hinter sich hat, damit man am Ende sagen kann, hey, schaut her, ich habe die ganze Pilgerreise gemacht.
- Speaker #1
Außerdem erklärt Valérie uns, was es mit den Donativos auf sich hat.
- Speaker #6
Hier bei uns zum Beispiel gibt es Bier im Kühlschrank. Du kannst dir Wein nehmen, wenn du willst. Du kannst dein Handy aufladen, du kannst Wasser nehmen, Strom. Auf die Toilette gehen alles, das kostet nichts. Aber am Eingang steht eine Kasse. Und diejenigen, die vor dir Geld hineingeworfen haben, machen es uns möglich, dich aufzunehmen. Und das Geld, das du hineinwirst, ermöglicht es uns, die Nächsten aufzunehmen.
- Speaker #1
Dann organisiert sie noch jemanden, der uns zu der Wiese begleitet, auf der wir für die Nacht unser Zelt aufschlagen können. Fred ist einer der Pilger und er ist den Weg schon mehrfach gelaufen.
- Speaker #4
Wegen der Stimmung hier, wegen der Strecke, wegen der Begegnung, so wie jetzt mit dir.
- Speaker #1
Wir holen unsere Rucksäcke aus dem Auto und gehen mit Fred. Den knappen Kilometer vorbei an Weideflächen durch ein kleines Waldstück über einen Bach zu unserem Zeltplatz für die Nacht. Hier ist ganz, ganz viel Platz drumherum. Hier ist eine Feuerstelle. Es gibt eine Trockentoilette, einen Wasserhahn mit Trinkwasser, einen wunderschönen großen Baum mit einem kleinen Buddha aus Stein daneben. Und dort haben wir jetzt unser Zelt aufgebaut im Sonnenuntergang. Es war wirklich traumhaft schön. Nachdem unser Zelt steht, packen wir unsere Einkäufe zusammen, die Taschenlampe für den Rückweg später und gehen zurück ins Pub. Hier ist inzwischen schon einiges los. Im Kamin links neben der Tür knistert ein gemütliches Feuer. Davor stehen Sofas und Sessel. Auf dem Badresen Weinflaschen und das Essen, das die PilgerInnen und Kompagnons für das gemeinsame Abendessen mitgebracht haben. Baguette, Kuchen, ein Salat mit Linsen und Speck, unser Camembert, eine... warum auch immer. Überdimensionale Lauch-Zwiebel-Chips, eine ganz, ganz bunte Mischung. Und auch die Tische im hinteren Raum des Pubs sind voll. Und die Stimmung in der Gruppe, die ist so warm und herzlich, dass sich, und ich muss es wirklich sagen, es ist ganz ungewohnt für mich, dass es so schnell geht, ein heimeliges Gefühl einstellt. Zugegebenermaßen mit einer sprachlichen Herausforderung. Außer uns kommen alle aus Frankreich oder der französischsprachigen Schweiz. Und so packt... Frag mir Frank und ich unser Schulfranzösisch aus, mixen ein bisschen Englisch drunter und wir hoffen einfach, dass die anderen uns verstehen und dass wir vielleicht, wenn wir so ein bisschen drin sind im Französisch, auch mehr als nur Smalltalk schaffen. In einer Gruppe mit ein paar anderen laufen wir später im Dunkeln zurück zum Zeltplatz. Treffpunkt am nächsten Morgen ist um 9 Uhr vor dem Pub. Und als Frank und ich in unseren Schlafsäcken sind, draußen noch die leisen Unterhaltungen der anderen Pilgerinnen und Pilger hören, sind wir schon ein kleines bisschen verzaubert von unseren ersten Stunden hier.
- Speaker #0
Ich bin noch ganz voll von Eindrücken. Es ist eine wunderschöne Stimmung hier. Jetzt auch der Abend war total schön, am offenen Kamin. Und wirklich unglaublich viele Menschen, die dann so nach und nach auch eingetroffen sind. Es war offensichtlich so, dass viele sich schon kannten. Eine ganz wunderschöne Atmosphäre, also sehr herzlich, sehr willkommen.
- Speaker #1
Also mir geht es wie dir, ich bin auch noch echt ganz, ganz erfüllt und ganz warm von innen raus. Das war wirklich bislang der perfekte Einstieg für dieses Abenteuer. Und ich muss tatsächlich sagen, ich habe vor dieser Erfahrung Laufen in der Gruppe schon ziemlich Respekt. Aber jetzt nach diesen ersten paar Stunden, wo wir schon einen Eindruck bekommen haben. Ja, wird es besser. Also kann ich mir vorstellen, dass es doch gut werden kann. Sagen wir es vielleicht so. Das ist unser Wecker am nächsten Morgen. Dazu das goldene Licht der aufgehenden Sonne, das auf unser Zelt fällt. Französische Landidylle aus dem Bilderbuch. In der Nacht hatte es 5 Grad, es ist März, das Außenzelt ist nass vom Kondenswasser und meine Nase, die als einziges aus dem Schlafsack rausgeschaut hat, die ist rot. Zum Glück gibt's im Secret Night noch Tee und Kaffee zum Aufwärmen, bevor wir uns dann in der ganzen großen Gruppe vor dem Pub versammeln. Michael ist einer der Kompagnons und er gibt uns einen kleinen Überblick über den Ablauf, der kommt.
- Speaker #2
Wir sind eine extra große Gruppe Compagnons auf dieser Tour, damit alles so gut wie möglich läuft. Deshalb sind wir hier. Und auch für uns ist es jedes Mal ein echtes Abenteuer. Auch wir werden etwas erleben, was wir noch nie erlebt haben. Der Sentier bleibt eine Erfahrung, die sich nicht wiederholt. Sie erfindet sich jedes Mal wieder aufs Neue. Habt ihr Fragen? Nein, keine Fragen. Wollt ihr los?
- Speaker #1
Wir parken noch schnell unser Auto um, weg vom kleinen Parkplatz in der Dorfmitte auf einen großen, auf dem das Auto für die nächsten Tage stehen bleiben kann. Und dann geht's los. Etappe 1. Auf den Spuren der vielen Pilgerinnen und Pilger, die diesen Weg schon vor uns gegangen sind.
- Speaker #3
Der Mont Saint-Michel war im Mittelalter eines der wichtigsten Pilgerziele Europas, neben Santiago, Rom und Jerusalem. Jahr für Jahr machten sich Tausende auf den Weg. besonders auf den Norden Frankreichs, aus Flandern und der Region um Paris. Die Roi des Rois, der Königsweg, verband Paris mit dem Mans. Sie führte über Chartres, Le Mans, Alençon. Die letzten 100 Kilometer dieser Strecke werden wir in den kommenden Tagen gehen. Nicht nur Könige und Adelige pilgerten hier seinerzeit, auch einfache Menschen, so Buße, aus Dankbarkeit oder auf der Suche nach Heilung. Ziel war der Mont Saint-Michel, ein symbolischer Ort. Hoch oben thront das Kloster gewidmet dem Erzengel Michael. Er gilt als Kämpfer für das Gute, als Seelenwäger und Beschützer gegen das Böse. Wer zu ihm plägert, sucht Schutz, Hoffnung oder einen Neuanfang. Nicht immer ist die Motivation eine christliche, denn als uraltes Symbol der Verwandlung, an dem Gegensätze aufeinandertreffen, ist der Mont Saint-Michel ein Ort, der auch Alchemisten,
- Speaker #1
Etappe 1 führt uns heute von Champs-Secrets über Donfranc nach L'Anle-la-Baye. Das sind 21 Kilometer, die kürzeste Etappe der Tour. Meine Sorge, dass es schwierig wird, im eigenen Rhythmus zu laufen, wenn man so in der Gruppe unterwegs ist, die ist komplett unbegründet. Jeder, jede von uns läuft so, wie es gut passt, mal allein, mal in Gesellschaft. Und so ergeben sich die ersten Gespräche. Erstaunlich ist, wie viele der PilgerInnen den Sentier bereits gelaufen sind. Also nicht nur einmal, manche waren schon 20 Mal oder noch öfter dabei. Bruno, Chantal und Gaëtan erklären mir das so.
- Speaker #2
Es ist sowohl der Kontakt mit der Natur als auch das über sich hinaus Wachsen. Denn klar, es gibt auch schwierige Momente. Man geht also über sich selbst hinaus und gleichzeitig geht man gemeinsam voran. Und es ist spirituell, weil ich in Richtung Saint-Michel gehe. Man teilt den Weg mit anderen, mit Menschen, die so unterschiedlich sind. Es sind ziemlich intensive Momente. Nicht die ganze Zeit, aber es gibt besonders intensive Momente auf dem Weg. Und man lernt dabei auch etwas über sich selbst.
- Speaker #1
Den Sentier zu gehen bedeutet eigentlich jedes Mal, dass etwas anderes passiert. Der Sentier besteht nicht nur aus dem Gehen. Der Weg ist dazu da, an sich selbst zu arbeiten. Neue Dinge zu entdecken, neue Menschen kennenzulernen, die einem etwas geben, die einem neues Wissen vermitteln. Es geht um den Austausch. Es ist so, wie Bertrand das sagt.
- Speaker #2
Man startet als Wanderer und am Ende ist man Pilger.
- Speaker #1
Sonja und Veronique sind so wie wir das erste Mal mit dabei und beide wünschen sich dasselbe von dieser Pilgerwanderung.
- Speaker #7
Ich bin komplett zufällig auf den Sentier gestoßen. Ich habe es irgendwo in einem sozialen Netzwerk gesehen. Ich weiß gar nicht mehr wo. Ich habe auf den Link geklickt und mich angemeldet. Und das Einzige, was ich mir vor dem Start des Sentiers gewünscht habe,
- Speaker #1
ist Klarheit.
- Speaker #6
Für mich entspricht dieser Weg dem kommenden Frühling. Ein Ausbruch aus dem Winter. Etwas, das lange gereift ist und jetzt wachsen wird. Ich bin sehr, sehr glücklich. Es ist genau der richtige Zeitpunkt in meinem Leben, denn... Ich befinde mich in einer Phase der Veränderung. Ich habe gerade aufgehört zu arbeiten und ich spüre, dass der Sentier mir Klarheit bringen wird. Es werden klarere Dinge für die Zukunft sichtbar werden.
- Speaker #1
Sonia hat so ein kleines bisschen Respekt vor der körperlichen Herausforderung.
- Speaker #7
Als ich mich angemeldet hatte und dann angefangen habe zu lesen, worauf ich mich da eingelassen habe, hatte ich große Angst und viele Zweifel. Ich sagte mir, du legst die Messlatte viel zu hoch, du stellst dir zu hohe Herausforderungen. Du wirst langsam älter, du solltest ein bisschen ruhiger machen. All diese Gedanken gingen mir durch den Kopf und ich habe versucht, mit Leuten darüber zu sprechen, einfach um einen Spiegel zu bekommen. Sag mal, bin ich verrückt, das zu tun oder nicht? Und ich habe keine klare Antwort bekommen. Die einen sagten mir, willst du das wirklich machen? Das ist doch eine große Herausforderung. Und dann gab es andere, die sagten, ach komm schon, das ist ein Kinderspiel, 100 Kilometer.
- Speaker #1
Wie wir da so vor uns hinlaufen, begleitet von den ersten warmen Sonnenstrahlen des Frühlings, fühlt es sich eher an wie ein Sonntagsspaziergang. Anstrengend ist es noch nicht. Die Landschaft ist grün und leicht hügelig und dieser besondere Typ von Landschaft hier nennt sich Bokage. Wir laufen vorbei an Weiden und Feldern, die von Hecken und Baumreihen gesäumt sind. Eine natürliche Art, Grenzen zwischen den Ländereien zu markieren. Also wie gesagt, das ist ganz typisch für die Region hier in der Normandie. Dieser Bokasch, der hat auch im Zweiten Weltkrieg eine Rolle gespielt.
- Speaker #3
Am 6. Juni 1944 begann die größte Landungsoperation der Geschichte, der D-Day. Über 150.000 alliierte Soldaten landeten an den Stränden der Normandie. Ziel war die Befreiung Westeuropas von den Nazis. Die Landung war erfolgreich, doch dann kam der schwierige Teil, der Vormarsch ins Landesinnere. Hier stießen die Alliierten unter anderem auf den sogenannten Boccage, eine typische Landschaft in der Normandie. Enge Feldwege, hohe Hecken und kleine Parzellen, für Panzer schwer passierbar, gleichzeitig Schutz und Versteck für die Verteidiger, die Nazis. Die Kämpfe wurden zäh und verlustreich, doch es gelang. Nach Wochen harter Gefechte war der Kessel von Valais im August 1944 der Wendepunkt. Paris wurde befreit. Und mit ihm Stück für Stück Europa.
- Speaker #1
Also auf uns wirkt die Landschaft idyllisch und Fred verrät uns, wir befinden uns in La France Profonde. C'est la vraie France. La France on dit, la France profonde on dit. C'est Paris, c'est pour les touristes.
- Speaker #4
Dans la campagne, on entend, on regarde,
- Speaker #1
magnifique. On respire. Was auch ganz angenehm ist, wir machen sehr oft Pause. Zuerst an einer kleinen Kapelle, dann auf einer Wiese im Dorf. Und zum Mittagessen dann nochmal bei D'Enfant-le-Poiré auf einer Lichtung im Wald. Zu richtig lang. Compagnon Michael gibt sich wirklich extrem viel Mühe mit Frank und mir, checkt immer nochmal, ob wir auch alles verstanden haben, wenn er was erklärt. Und er gibt uns auch ein bisschen Ortskunde mit.
- Speaker #2
Die Region hier, D'Enfant-le-Poiré, ist die Hauptstadt der Poiré-Hersteller. Poiré ist ein echt regionales Getränk. Ihr kennt den Cidre, der wird aus Äpfeln hergestellt. Man braucht nicht nur eine Sorte, um einen guten normandischen Cidre herzustellen. Es gibt verschiedene Apfelsorten, die hier verarbeitet werden zu Cidre. Aber wir haben auch eine Birnensorte. Die ist nicht unbedingt zum Essen geeignet, aber sie wird verwendet für die Herstellung von Apfel und Birnenmost. Und das, was dann rauskommt, nennt man Poiret.
- Speaker #1
Der Rest der Strecke, der läuft sich gefühlt von allein. Am frühen Abend kommen wir in L'Anle Labille an, einen Ort mit etwas über 1000 Einwohnern. Diejenigen, die das Packabri gebucht haben, die verabschieden sich kurz nach dem Ortseingang erstmal. Sie übernachten hier in einer Gite, einer Herberge. Und wir anderen, wir laufen durch die von Steinhäusern gesäumte Gasse runter zum Dorfplatz. Wie der Name L'Anle Labille schon verrät, ist das Dorf um ein Kloster herum entstanden, gegründet im 11. Jahrhundert. Die Klosterkirche und die Teile des ehemaligen Benediktinerklosters, die bis heute erhalten sind, machen noch immer den Ortskern aus. Davor ist ein großer Platz, dahinter wunderschön gepflegte Grünflächen. Frank und ich bauen unser Zelt hinter der Kirche auf einer Wiese am Bach auf, zusammen mit ein paar anderen aus der Gruppe. Andere suchen sich einen Schlafplatz in einem Gewölbekorridor der Abtei und noch ein paar übernachten in einer Scheune mit Feuerstelle. Das ist auch der Treffpunkt für alle, die an diesem Abend noch Lust haben, ein bisschen zusammen zu sitzen. Das erzählt uns Christoph. Er ist einer der Pilger in der Gruppe, die den Weg zum Mont Saint-Michel schon viele, viele Male gelaufen sind. Nachdem unser Zelt steht, gehen wir einkaufen. Wir haben für diese Tour außer ein paar Riegeln, Nüssen und Trockenobst gar kein Proviant dabei. Wir kommen durch so viele Dörfer und vorbei an so vielen Bauernhöfen, dass wir uns auf jeden Fall unterwegs versorgen können. Und das spart Gewicht im Rucksack. In Lanlais gibt's ein Traiteur, der Suppen, Salate und andere Gerichte zum Mitnehmen anbietet und vor seinem kleinen Geschäft an der Ecke des Dorfplatzes bildet sich schnell eine Schlange von Pilgerinnen und Pilgern. Frank und ich gehen zum kleinen Supermarkt weiter die Straße hoch. Wir wollen heute Abend ein Picknick machen mit Brot, Camembert und Oliven und auch noch eine Flasche Wein einkaufen. Und außerdem gibt es dort Kaffee. Als wir bezahlen, wünscht uns der Kassierer viel Glück für morgen. Und auch wenn das Laufen heute easy war. gibt uns das ein bisschen zu denken. Der weiß wohl auch, dass der zweite Tag der härteste ist.
- Speaker #0
Ich weiß nicht, vielleicht ist er auch schon den Weg gegangen.
- Speaker #1
Naja, wir stecken eh nicht drin, wir nehmen es, wie es kommt. Und wir genießen die letzten Strahlen der Frühlingssonne beim Abendessen auf der Wiese am Bach. Das Kloster, das sieht in diesem goldenen Abendlicht noch beeindruckender aus. Schwärme von Vögeln umkreisen die großen Bäume daneben. Der Anblick, der ist fast ein bisschen surreal. und Ich frage mich, ob es vielleicht genau das ist, was das Draußen-Unterwegs-Sein neben der körperlichen Herausforderung so besonders macht. Dass man so sehr im Moment ist und dadurch eben Dinge wahrnimmt, die im Alltag sonst einfach untergehen würden. Später schauen wir auch noch kurz auf ein Glas Rotwein in der Scheune vorbei. Das Feuer, der Wein, die Gespräche um uns rum, die Eindrücke des Tages, all das macht ein warmes Gefühl im Bauch. Aber lang schaffen wir es gar nicht mehr an dem Abend. Im Schein der Stirnlampen gehen wir zum Zähneputzen noch schnell vor, auf die öffentliche Toilette am Dorfplatz und dann ins Bett. Start morgen früh ist um acht. Und so geht's weiter in Folge zwei.
- Speaker #0
Es ist schön, es ist toll, eine tolle Gruppe, es macht irgendwie total Freude. Und das Erlebnis heute in der Kirche war natürlich unglaublich.
- Speaker #1
Ja, da sind nicht nur bei uns Tränen geflossen.
- Speaker #7
Für mich ist es auch magisch. Es ist ein Moment, in dem man innehält, in dem man sich mit dem Vertikalen verbindet und dann, ja, dann läuft es von selbst, es fließt von selbst.
- Speaker #1
In Etappen ist eine Produktion von mir, Jasmin König, aber dieser Podcast ist wirklich nur möglich durch die vielen Menschen, die mir dafür ihre Geschichte erzählen. Von Herzen danke an die Compagnons du Sentier und an alle Pilgerinnen und Pilger, die uns auf diesem Weg begleitet haben. Und dir vielen Dank fürs Zuhören. Wenn dir In Etappen gefällt, freue ich mich über deinen Kommentar oder deine Bewertung, zum Beispiel bei Apple Podcasts oder bei Spotify. Und natürlich auch, wenn du anderen davon erzählst. Dir ganz viel Spaß da draußen und wenn du magst, weiter geht's auf dem Sentier der Pilgerwanderung zum Mont Saint-Michel mit Folge 2.