- Speaker #0
Wir sind für ungefähr 7 km gegangen. Für ungefähr 7 km Richtung Mont Saint Michel. Es ist wirklich witzig, dass wir auch in dieser Staffel den Satz sagen können. Es ist 15.15 Uhr und es hat die ganze Nacht geregnet. In Etappen nimmt dich mit auf die schönsten Wandertouren in Europa und Großbritannien. In Staffel 2 geht's nach Frankreich, in die Normandie. Wir pilgern auf einem der ältesten Pilgerwege Europas, 100 Kilometer in vier Etappen, zum Mont Saint-Michel. So, es ist kurz vor sechs, noch ein Stück finster hier auf unserem Campingplatz. Wir packen zusammen heute ganz, ganz früher Start, weil das letzte Stück geht es ja dann durch die Bucht am Mont Saint-Michel. Und da wollen wir natürlich nicht sein, wenn es schon dunkel ist heute Abend. Und wir haben festgestellt, die letzten Tage, wir brauchen auf jeden Fall ein bisschen Zeit. 28 Kilometer, also quasi im Hintergrund. Da werden Zeltplanen ausgeschüttelt. Und ja, wir gucken jetzt auch, dass wir unser Zelt schnell zusammenbekommen und dann geht's los. Das Allerbeste heute Morgen, meinem Bauch geht's gut. Die Tabletten haben gewirkt und ich bin wahnsinnig erleichtert. Zusammen mit den anderen, die draußen geschlafen haben, machen wir uns auf den Weg zum Treffpunkt. Wir treffen uns vor der Herberge, in der die anderen die Nacht verbracht haben. Bonjour!
- Speaker #1
Vous allez bien? Oui!
- Speaker #0
Veronique, die wirkt trotz der frühen Uhrzeit schon ziemlich wach. Und auch sonst ist eine leichte Aufgeregtheit in der Gruppe zu spüren. Diese allerletzte Etappe ist nochmal lang, 28 Kilometer. Und am Ende geht es für sieben Kilometer bei Ebbe barfuß durch die Bucht bis zum Mont Saint-Michel. Das heißt, damit das hinhaut, müssen wir auf jeden Fall grob im Zeitplan bleiben. So langsam wird es heller. Und wir sind pünktlich um 6.30 Uhr gestartet an unserem Treffpunkt in Sinyi. Und jetzt laufen wir schön in der Reihe an der Straße entlang. Heute ist, glaube ich, ein perfekter Halbmond. Also den sieht man jetzt gerade noch am Himmel hinter den Bäumen. Ah, guck mal, und da vorne, da sind wieder die Miraculix-Bäume. Voller Mistel, wirklich. Auch heute Morgen machen wir kurz an einer Kirche Halt. halt. Manche bleiben draußen auf dem Vorplatz, teilen ihr Frühstück, Bananen, Mandeln, Schokolade und Kekse. Und ich nutze die Gelegenheit auch heute für einen Moment der Ruhe. Udo und Charlotte, zwei der Compagnons, begleiten unsere Pausen in der Kirche durch ihre intuitiven Gesänge, die, auch getragen von der irren Kirchenakustik, jedes Mal sehr kraftvoll sind. Nach unserem gemeinsamen Pilgerlied geht's weiter. Hey, gerade ein ganz besonderer Moment.
- Speaker #2
Ja.
- Speaker #0
Ja. Du machst dich lustig über mich, aber ich finde schon, wir sind gerade aus so einer kleineren Anhöhe gewesen und dann hat man, also wir haben zum allerersten Mal jetzt den Mont Saint-Michel gesehen.
- Speaker #3
Ganz,
- Speaker #0
ganz, ganz klein, zwar in der Ferne, aber wir haben ihn gesehen. Ihr hört es vermutlich auch raus, wir sind heute Morgen ziemlich gut gelaunt, irgendwie scheint alles zu passen. Also blauer Himmel mit ein paar Wolken Sonnenschein. Das hat die Wettervorhersagen gar nicht ausgesehen. Es ist unfassbar.
- Speaker #3
Es hat schon was, in den Sonnenaufgang zu laufen. Mit der aufgehenden Sonne mitzulaufen. Das ist schön. Den 1.
- Speaker #0
Teil der Strecke heute wird die Sonne auf den Sonnenaufgang bringen. laufen wir auf einer wenig befahrenen Landstraße. Dadurch, dass wir viel auf Straßen heute unterwegs sind, kommt uns natürlich auch ab und zu mal ein Auto entgegen. Aber das ist gar kein Problem, weil es einen Warnruf gibt, der dann von hinten nach vorne in der Gruppe durchgegeben wird. Und der klingt so. Das hat sich in den letzten Tagen schon perfekt eingespielt. und auch mit dem Französisch klappt es inzwischen. ein bisschen besser.
- Speaker #3
Ja, also sagen wir mal, meine erste, in Anführungszeichen, richtige Unterhaltung auf Französisch. Also weitestgehend auf Französisch. Ja, es ist cool. Mit Wählen ist es oft so, dass ich etwas sagen will und denke, ich weiß jetzt nicht, wie es heißt. Aber mittlerweile switche ich auf Englisch und es funktioniert dann auch meistens ganz gut.
- Speaker #0
Wir kommen durch verschlafene normandische Dörfer. Überall Steinhäuser, extrem gepflegte Hecken. Der Heckenschnitt ist schon fast deutschapparat. Und hier und da sogar eine Palme. Ab und zu hat man fast den Eindruck, man schaut da so in einen mediterranen Garten. Unsere erste längere Pause heute machen wir in Ducie. In der Gasse vor der Bar de la Baie lehnen unsere Rucksäcke in einer langen Reihe an der Mauer. Es ist wohl Tradition, hier im Café einen Petit Café und einen Calvados zu trinken. Wohlgemerkt, es ist jetzt 10 Uhr am Morgen. Für den Calvados ist es mir noch ein bisschen zu früh, aber... Der Kaffee, der ist hervorragend und deshalb trinke ich auch gleich drei davon. In der kleinen Bäckerei auf der anderen Straßenseite decken wir uns mit Proviant ein. Zwei Brioches für gleich. Und zwei große Sandwiches für die Mittagspause. Die Auslagen der Bäckerei, die sind genauso, wie man sich eine typisch französische Boulangerie vorstellt. Baguette, Croissant, fluffige Brioche. Quiche und kleine hübsche Kuchen, Apfel- und Zitronentarts, Eclair, boah, das fällt richtig schwer, sich da zu entscheiden. Die Pause hier in Ducie, die ist wahnsinnig entspannt. Ich würde fast sagen, es ist die schönste Pause, die wir bislang gemacht haben und da waren schon ein paar richtig tolle dabei. Aus der Bar kommt gute Musik und die Stimmung in der Gruppe ist komplett gelöst. Weiter geht's. Der Weg aus Ducie führt uns vorbei am Château Montgomery, einem kleinen Schloss aus dem 17. Jahrhundert. Danach laufen wir, ähnlich wie gestern, durch eine lange von großen Bäumen gesäumte Allee weiter bis Pont-au-Bou. Die Brücke, die hier über den Fluss Céline führt, die hat im Zweiten Weltkrieg eine bedeutende Rolle gespielt.
- Speaker #2
Die Brücke von Pont-au-Bou wird heute unscheinbar, doch im Zweiten Weltkrieg bei sich Schlüssel eines strategischen Durchbruchs. Anfang August 1944 beklärten hier rund 100.000 alliierte Soldaten und 10.000 Fahrzeuge den Fluss Céline. Die Brücke war der einzige intakte Übergang Richtung Bretagne und damit entscheidend für General Pattons schnellen Vormarsch. Dabei war es alles andere als selbstverständlich, dass die Brücke noch stand. Im Juni 1944 wurde die Brücke von Pont-au-Bourg mehrfach bombardiert. 56 Luftangriffe trafen den Bereich. Doch die Brücke hielt stand. So wurde Pont-au-Bout zu logistischen Nadelöhr. Panzer nachschob, ganze Divisionen zogen in wenigen Tagen Richtung Westen. Ohne die Brücke hätte es den Vormarsch vielleicht nicht gegeben. Mit ihr gelang er in rasantem Tempo. Heute erinnert noch eine schlichte Gedenktafel an den historischen Moment und daran, wie eine kleine Brücke große Geschichte ermöglichte.
- Speaker #0
Gleich hinter der Brücke, direkt am Ufer der Céline, machen wir auf einer großen Wiese mit Picknick-Tischen Mittagspause. Wir hängen die nassen Zeltplanen an die Bäume, damit sie in der Sonne trocknen können. In der Bäckerei um die Ecke besorge ich ein paar kalte Bier, die wir mit den anderen teilen. Wir haben ein richtig kleines Buffet auf unserem Tisch. Oliven, Käse, Salami, Kekse, Karamell, Popcorn, jeder packt aus, was er noch so im Rucksack hat. Wir sitzen zusammen und reden. Ich frage Sonja und Veronique, wie denn so... kurz vor dem Finale jetzt ihr Zwischenfazit aussieht. Beide hatten ja gesagt, dass sie sich Klarheit wünschen von diesem Weg.
- Speaker #1
Ja,
- Speaker #4
ich denke, es ist ein Prozess. 100 Prozent Klarheit gibt es vermutlich nie, aber im Moment gibt es kleine Fortschritte. Es ist wie ein Puzzle, das sich zusammensetzt. Es gibt Teile, die sich zusammenfügen und vielleicht gewinnt man über die Klarheit hinaus einfach das Gefühl, lebendig zu sein. Einfach lebendig zu sein und... Die Einsicht, dass das genug ist. Ja, das reicht. Und ich spüre auch einen Frieden, der mit jedem Tag mehr Raum einnimmt.
- Speaker #5
Ich bin den Jakobsweg von Paris bis Santiago de Compostela gelaufen und die Erfahrung jetzt ist eine Fortsetzung und gleichzeitig was ganz Neues. Das Neue, das ist die Qualität der Begegnungen in unserer Gruppe. Diese Art Gemeinschaft, die genau der richtige Ort ist, um Menschen zu finden, mit denen ich auf einer Wellenlänge bin. Ich habe so viele Begegnungen gehabt und ich bin sehr bewegt.
- Speaker #0
Sonja hatte zum Start der Wanderung ihr etwas Respekt vor der körperlichen Herausforderung und ist ziemlich happy darüber, wie gut es läuft.
- Speaker #1
Es ist eine schöne Überraschung, weil wir am vierten Tag sind.
- Speaker #4
Das ist eine tolle Überraschung, denn jetzt sind wir am vierten Tag. Ich hatte bislang keine größeren Probleme, keine Schmerzen, kein Gefühl von Erschöpfung oder dass ich nicht mehr konnte. Im Gegenteil, die Freude, die wächst von Tag zu Tag. Ich sage nicht, dass es super leicht ist. Nein, das meine ich nicht. Aber ich meine, dass es etwas Größeres gibt, dass es möglich macht, dass man all diese körperlichen Grenzen überwinden kann. Ja, es ist fast ein Wunder eigentlich. Man kann das überwinden. Und das ist nicht nur mental. Es ist... Nicht nur der Verstand, denn ich sage mir jetzt nicht jeden Tag, hey, du schaffst das, als wäre ich ein Mentalcoach. Nein, ich lasse einfach die Angst los. Das ist alles. Ich lasse die Angst los und erwarte nichts. Und wenn du Raum schärfst, dann steigt die Freude in dir auf. Und die Freude trägt dich, sie nimmt dich mit, sie trägt dich. Und die Gruppe trägt dich, die offenen Herzen, die wunderbaren Begegnungen, all das trägt dich. Ja, das ist es.
- Speaker #0
Ja, und wenn ich ein kleines Zwischenfazit ziehe, ich bin wahnsinnig glücklich darüber, wie gut ich mich in dieser Gruppe fühle, wie gut die Gespräche sind, trotz unserer kleinen sprachlichen Hürde und wie nah ich mich einigen in der Gruppe nach diesen paar Tagen schon fühle. Merci beaucoup! Nach Pont-au-Beau laufen wir an der Céline entlang durch die sogenannten Pressalets. Das sind die Salzwiesen, die der Bucht vor dem Mont Saint-Michel vorgelagert sind. Auf der größten Salzwiesenfläche Frankreichs grasen friedlich Schafe. Sehr viele Schafe. Die Lämmchen von hier, die berühmten Agneau de Presse Allee, sind eine Spezialität für alle, die gern Fleisch essen. Und als wir nochmal eine kurze Rast auf den Salzwiesen machen, haben wir auf einmal so ein kleines Lämmchen mitten unter uns, das verzweifelt nach seiner Mama ruft. Ja, offenbar ist es der falschen Herde hinterhergelaufen. Von hier können wir die Monser Michel jetzt schon deutlich sehen. Wir sind hier eben gerade über die Wiese gekommen, haben eine kleine Kurve gemacht und da war auf einmal vor uns der Monser Michel. Und auch wenn ich bislang irgendwie, ja ich hatte gar keine Erwartung daran, aber ihn da jetzt so vor uns zu sehen, das war schon für einen Augenblick echt. Überwältigen. Wir laufen über die Salzwiesen auf dem Mont zu, bis die Bucht direkt vor uns liegt. Hier erwartet uns Raphael. Raphael ist selbst auch Compagnon, aber er ist auch zertifizierter Guide-Passeur. Das heißt, er kennt sich gut mit den Eigenheiten der Bucht aus und ist da, um uns sicher durch die Bucht bis zum Mont Saint-Michel zu bringen. Wir ziehen die Schuhe aus und schlüpfen in kurze Hosen. Im Moment ist zwar Ebbe, aber hier und da kann es trotzdem sein, dass wir durch etwas höheres Wasser warten müssen.
- Speaker #2
Die Bucht des Mont Saint-Michel ist ein Ort der Extreme. Der Unterschied zwischen Ebbe und Flut, der sogenannte Tidenhub, zählt zu den größten Europas, bis zu 14 Meter. Wenn das Meer sich zurückzieht, bleibt eine weite, stille Ebene. bis zu 15 Kilometer lang. Doch dann, fast wie aus dem Nichts, kehrt das Wasser zurück. Schnell und kraftvoll. Victor Hugo schrieb, die Flut kommt wie ein galoppierendes Pferd. Dieser Naturgewalt entsteht durch die trichterförmige Küste und den Druck des Ärmelkanals. Das Wasser schießt regelrecht in die Bucht. Und dann ist da noch der Treibsand. Der Boden weht fest und gibt doch nach. Unterirdische Strömungen lösen das feine Sediment. Wer feilt, stritt versinkt bis zu den Knien. Kein Mythos, aber auch kein Todesurteil. Gefährlich wird es nur, wenn man die Flut unterschätzt.
- Speaker #0
Das klingt alles viel dramatischer, als es heute sein wird, Sekt Raphael.
- Speaker #6
Also das wird schon klappen heute, weil eigentlich ist es ziemlich trocken. Wir überqueren den Fluss nicht. Seht ihr den Fluss dort? Das sind die Cellünen und die See, die zusammenfließen. Aber wir bleiben hier auf der linken Uferseite. Trotzdem müssen wir einen kleinen Kanal bei der Ankunft am Mont Saint-Michel passieren. Ich sage euch dann Bescheid, wenn wir da sind, da halten wir an. Ich gehe vor und sage euch dann, wie es aussieht. Zum Treibsand. Es gibt Stellen, wo sich viel bewegt hat. Große, große Stellen wie hier mit großen Flächen, die unter euren Füßen schwingen. Das ist ziemlich lustig und es hält. Wo es sonst direkt einsinkt, sinkt es aktuell nicht so stark ein. Und ja, das wird auf jeden Fall lustig.
- Speaker #0
Wir bleiben erstmal noch auf den Salzwiesen am Rand der Bucht, wandern dann weiter über Swat. Und Raphael erklärt uns, dass der Mont Saint-Michel fast seinen maritimen Charakter verloren hätte.
- Speaker #2
Jahrzehntelang trugen Aufschüttungen, ein fester Damm und ein Parkplatz direkt vor dem Klosterberg dazu bei, dass sich Sedimente ablagerten und der Meereseinfluss immer weiter zurückging. Der Mont Saint-Michel drohte zu einem Teil des Festlands zu werden. Doch Frankreich reagierte mit einem spektakulären Renaturierungsprojekt, das 1995 initiiert und 2015 vollendet wurde. Der Parkplatz wurde verlegt, der alte Damm durch eine Stelzenbrücke ersetzt. Und der Fluss Quenon erhielt ein neues Schleusenbauwerk, das bei Ebbe das Wasser schwallartig abfließen lässt, um Sedimente gezielt wegzuspülen.
- Speaker #0
Es ist ein Wahnsinnsgefühl, dem Mont Saint-Michel auf diese Weise immer näher zu kommen. Beim Laufen unterhalte ich mich mit Bruno. Bruno kommt aus der Normandie, er läuft den Sentier jetzt zum dritten Mal. Und jetzt, wo er kurze Hosen trägt, fallen mir die Tattoos auf seinen Beinen auf.
- Speaker #7
Das ist die Jungfrau mit dem Jesuskind. Hier ist der Erzengel Michael, der hier am Mont Saint-Michel, am Tag des Saint-Michel, letztes Jahr tätowiert wurde. Und das hier, das sieht man nicht. Aber das ist Jakobus von Compostela, zusammen mit der Kathedrale von Compostela. Das habe ich gemacht, weil ich den Jakobsweg gelaufen bin. Also es ist eine Erinnerung daran. Ich habe mit dem Tattoo vor dem Weg angefangen und es danach dann fertig gestellt. Also hier mein linkes Bein, das ist das Bein mit dem Pilger-Tattoo.
- Speaker #0
Nachdem wir eine tiefere Wasserstelle passiert haben, zeigt mir Bruno ein Foto, das er gerade von mir gemacht hat. Merci! Oh wow! C'est vraiment cool! Merci beaucoup! Dieses Bild wird mein Lieblingsbild von dieser Reise werden. Die Sonne scheint zwar auch heute, aber im März in kurzen Hosen barfuß im Bad unterwegs zu sein, das ist doch ein bisschen frisch. Und je näher wir dem Mont Saint-Michel kommen, desto mehr spüre ich, wie mir so langsam die Kraft ausgeht. Eine sehr zarte Pilgerin aus unserer Gruppe läuft gestützt von zwei Compagnons. während zwei andere Pilger ihren Rucksack in einem Pilgerstab zwischen sich tragen. Es wird Zeit, dass wir ankommen. Eine letzte schwierige Stelle gibt es aber noch zu überwinden. Und dann sind wir da. Äußerlich zittere ich vor Kälte, im Innern ist mir aber ganz warm. Angekommen zu sein, dieses Erlebtes mit den anderen aus der Gruppe zu teilen, das ist ein ziemlich berührender Moment. Wir trocknen unsere Füße ab, schlüpfen wieder in Schuhe und lange Kleidung und treten dann ein durch das Tor zu Mont Saint-Michel.
- Speaker #1
Der Mont Saint-Michel gehört zu den bekanntesten Orten Frankreichs. Mehr als drei Millionen Menschen besuchen ihn jedes Jahr. Im Laufe der Jahrhunderte war er Kloster, Festung, Gefängnis und bis heute gilt er als Ikone der Architektur.
- Speaker #2
Die Basis des Mont Saint-Michel ist ein Granitblock. Früher nannte man ihn Montembe, Grabhöhle. Dieser Felsen ist etwa 550 Millionen Jahre alt. Ursprünglich war er eine Magmablase, gefangen unter dem amerikanischen Massiv. Als das weichere, schiefer Gestein des Massivs ringsum verwitterte, blieb nur der harte Kern. Heute wirkt der Mont, als sei er vom Himmel in die flache Bucht gefallen.
- Speaker #1
Schon die Kelken hielten den Ort für besonders, ein Kraftplatz. Seine christliche Geschichte begann im Jahr 701. Der Erzengel Michael war dem Bischof von Avranches mehrfach im Traum erschienen. Dieser ließ zu seinen Ehren eine Kapelle errichten. Im 10. Jahrhundert übernahm Benediktiner Mönche den Berg. Schon bald wurde er zu einem wichtigen Ziel für Pilger aus ganz Europa.
- Speaker #2
Das besondere am Mont ist die Bauweise. Alles ist vertikal organisiert, auf 240 Metern Durchmesser. Kirchen, Krypten, Wohnräume, Vorratskammern. auf engstem Raum an den Fels gebaut. Über tausend Jahre wurde immer weiter ergänzt, angepasst und überbaut. Das herausreibende Beispiel ist die Merveille, das Wunder, der gotische Klosterbau aus dem 13. Jahrhundert.
- Speaker #1
Im Konflikt zwischen England und Frankreich, dem Hundertjährigen Krieg, wurde der Mont Saint-Michel zur Festung. Die Engländer belagerten ihn jahrelang, doch eingenommen haben sie ihn nie. Es folgten weniger glanzvolle Zeiten. Im 18. Jahrhundert wurde das Kloster aufgelöst, danach diente der Mont über Jahrzehnte als Gefängnis.
- Speaker #2
Die Restaurierung begann Ende des 19. Jahrhunderts. Seitdem ist der Mont Saint-Michel Touristenattraktion und inzwischen UNESCO-Weltkulturerbe. Ein einzigartiges Beispiel dafür, wie sich Glaube, Geografie und Geschichte über Jahrhunderte hinweg verbinden.
- Speaker #0
Auf Kopfsteinpflaster laufen wir die schmale Gasse zwischen Fachwerk und Steinhäusern bergauf und halten vor der Créperie La Cloche. Hier hat sich vor dem Lokal schon eine lange Schlange von PilgerInnen gebildet, die sich mit Galette und Bier stärken. Als es langsam dunkel wird auf dem Mont setzen wir uns nach drinnen, wärmen uns an der Gesellschaft der anderen, der Erzählungen der letzten Tage und ich brauche heute nicht viel Bier, um leicht angetrunken zu sein. Du hast dein erstes Bier im Mix mit Calvados getrunken?
- Speaker #2
Ich muss sagen, du sprichst auch nicht mehr so ganz nüchtern.
- Speaker #0
Ich hatte zwei Bier und... Zwei Bier?
- Speaker #2
Zwei. Also die zweite habe ich getrunken.
- Speaker #0
Und nach den Anstrengungen des Tages reicht es vollkommen aus. Ich glaube, ich werde sehr, sehr gut schlafen. Irgendwann müssen die, die das Pagabri, das Unterkunftspaket gebucht haben, los. Sie können heute Nacht nicht auf dem Mont Saint-Michel bleiben, sondern fahren rüber aufs Festland in ein Hotel. Die Unterkunft, in der die PilgerInnen sonst auf dem Mont Saint-Michel übernachten können, die ist heute Nacht von einer Gruppe PfadfinderInnen belegt. Wir anderen suchen uns deshalb einen Schlafplatz unter freiem Himmel, direkt auf der Esplanade. Dorthin machen wir uns jetzt durch die dunklen, menschenleeren Gassen des Mont Saint-Michel auf den Weg. Hier gibt es Publikum-WC, die sind alle Abend offen. Ah ja, hier.
- Speaker #3
Die Tür ist hier.
- Speaker #0
Ah ja. Toiletten, also falls du nochmal musst. So, wir sind angekommen und wir können uns jetzt unseren Platz aussuchen. Frank, was meinst du, wohin? Frank und ich, wir suchen uns einen Schlafplatz in einem ummauerten Carré, das gerade so groß ist, dass unsere zwei Liegematten reinpassen. Und wir haben unsere Matten kaum ausgerollt, als es anfängt zu regnen. Das Zelt aufzubauen ist hier auf der Esplanade du Mont Saint-Michel keine Option. Wir haben uns jetzt ganz schnell hier... Ein kleiner Schutz gebastelt mit unserem Außenzelt, der Plane drunter und so kriegen wir das hin über Nacht. Perfekt. Die Zeltplane schützt uns erstmal vor dem Regen. Was für ein unglaubliches Privileg es ist. Wir verbringen die Nacht auf dem Mont Saint-Michel, hier quasi unter freiem Himmel. Unfassbar. Also das Abenteuer hat jetzt auch nach der Wanderung noch eine kleine Fortsetzung. Es ist wirklich so ein absolut once-in-a-lifetime Abenteuer. Ich kann es nicht anders sagen. Eigentlich waren wir ja mega happy über unseren Lagerplatz, aber in der Dunkelheit, im Schein der Stirnlampe, hatten wir uns den Untergrund nicht genauer angeschaut. Und ja, so weckt mich Frank irgendwann am sehr frühen Morgen. Es ist wirklich witzig, dass wir auch in dieser Staffel den Satz sagen können, es ist Viertel vor fünf und es hat die ganze Nacht geregnet. Ich hätte nicht gedacht, dass es tatsächlich passiert. Und ich lasse euch mal kurz hören, wie es regnet. Das hat zur Folge, dass mittlerweile schon ein paar Zentimeter unter unseren Matten das Wasser steht. Also, was stand jetzt? das kein so großes Problem ist und vor allem fehlt uns auch die Alternative, weil wir sonst nicht wohnen können. Es dauert noch ein bisschen. Auf Franz' Seite, da hat sich das Wasser sogar ein bisschen gestaut, das sind mehrere Zentimeter. Wir müssen jetzt ein bisschen beobachten, wie sich das entwickelt. Aber wie gesagt, da uns keine Alternative fehlt und wir noch ein bisschen warten müssen, fahren wir jetzt einfach für den Moment mal aus. Da das Wasser zwischen unseren Liegematten immer höher steigt, machen wir uns gegen halb sechs daran, alles zusammenzupacken. So klingt der Morgen am Mont Saint-Michel. Unser kleiner Unterschlupf für die Nacht ist abgebaut. An der Stelle, an der wir unsere Plane mit den Matten und dem Tag drüber hatten, steht... Zentimeter hoch das Wasser und tatsächlich trotz aller Vorkehrungen so nass wie heute morgen waren wir tatsächlich noch nie. In der Hülle ist Wasser reingelaufen. Irgendwann war die Hülle so schwer, hat sie sich vom Rucksack gelöst. Mein Rucksack ist komplett nass. Alles, was drin ist, ist komplett nass. Herr Frank sieht ein kleines bisschen besser aus. Aus meinen Schuhen musste ich wirklich das Wasser ausschütten. Aber zum Glück haben wir auch wasserdichte Socken mit dabei. Nur mein Hosenboden, der ist ein bisschen feucht. Ich hoffe, der trocknet jetzt unter der Wasserhose. wo sie schnell durch meine Körper wärme. Und jetzt läuten die Glocken. Und dann dauert es auch nicht mehr so arg lang, bis die Nonnen hier den Tag beginnen und wir gemeinsam nach oben gehen. Unsere nassen Rucksäcke können wir in einem Kellerraum abstellen und dann gehen wir die Stufen zur Klosterkirche hoch. Das Tor ist noch geschlossen. Davor treffen wir die anderen aus der Gruppe und man sieht schon auf den ersten Blick, wer die Nacht trocken im Hotel und wer sie im Freien verbracht hat. Bruno hat in einer kleinen engen Gasse zwischen zwei Häusern hier auf dem Mont übernachtet und dort war er ein bisschen geschützt. Andere haben sich wie wir einen Unterschlupf aus Planen gebaut und Kompagnon Michael, der hat den Regen komplett ungeschützt ausgehalten. Wir sind alle ein kleines bisschen mitgenommen, aber das ist schnell vergessen, als wir in die Klosterkirche eintreten. Vor uns das hohe Mittelschiff mit seinen massiven Granitpfeilern und den spitzbogigen Arkaden. Durch die schmalen, hohen Fenster fällt das Licht in ganz feinen Strahlen hinein. Der filigrane Chor, der scheint fast zu schweben. Alles wirkt ganz schlicht und klar und dadurch irgendwie erhaben. Einen solchen Innenraum einer Kirche habe ich noch nie gesehen. Vorne knien die Nonnen in ihren hellen Gewändern. Wir nehmen Platz auf den Bänken und erheben uns, als die Mönche den Raum betreten und die Andacht beginnt. Immer begleitet vom Zwitschern der Vögel, die sich vermutlich im Dach ihr Nest gebaut haben. Ich glaube, es ist ganz egal, ob man christlich ist, einer anderen oder keiner Religion angehört. Dieses Erlebnis der Morgenandacht in der Klosterkirche ist einzigartig und ich kann gar nicht wirklich beschreiben, was in dieser Stunde in mir vorgeht. Still verlassen wir nach dem Ende der Morgenandacht die Merveille, die Klosterkirche, laufen die Treppe runter in die Église Saint-Pierre. Es ist üblich, dass die PilgerInnen hier empfangen werden. Im Eingangsbereich der Kirche thront eine Statue von Jeanne d'Arc als Hommage an Saint Michel, den Erzengel Michael, der hat Jeanne d'Arc im 100-jährigen Krieg geführt. Hier in der Kirche erwartet uns Dom Martin, einer der Priester hier auf dem Mont. Noch ein allerletztes Mal singen wir gemeinsam unser Pilgerlied und dann bittet uns Dom Martin zu erzählen, was wir mitnehmen von dieser Pilgerreise. Jeder aus der Gruppe teilt was. Es fallen Begriffe wie Freude, Joie oder Netoyage, Reinigung, immer mit einer persönlichen Geschichte dazu. Irgendwann bin ich an der Reihe. Dankbarkeit. Für alle Begegnungen, die ich hatte und für die Geduld der anderen. Ich komme aus Deutschland und ich spreche nicht so gut Französisch, aber die anderen waren sehr geduldig und haben uns viel geholfen. Mein Herz ist voller Dankbarkeit. Nachdem ich fertig bin mit Sprechen, muss ich mich echt zusammenreißen, dass ich nicht laut schluchze. So sehr packen mich die Tränen. Und ich lasse einfach laufen und höre den anderen zu. Als uns Don Martin entlässt, habe ich das Gefühl, wir haben gerade gemeinsam den Schlusspunkt für diese Reise gesetzt. Mit Sonia, Bruno und François verlassen Frank und ich den Mont Saint-Michel zu Fuß über die Brücke. Wir haben noch etwas Zeit, bis uns der Bus am Café der Biscuiterie de la Baie du Mont Saint-Michel abholt. An einem Stand mit regionalen Spezialitäten kaufen wir mit Brunos Beratung noch einen Calvados für zu Hause, probieren zwei, drei Gläschen, essen im Café noch eine Galette und nutzen die Zeit im Bus zurück nach Champs-Écrits, um zu schlafen. Das Willkommen vor dem Secret Night in Champs-Écrits ist herzlich und ich bin wirklich erstaunt, wie viele Menschen dort auf uns warten. Bertrand und Valérie sind da, NachbarInnen, die neben dem Secret Night wohnen und Compagnons, die selbst gar nicht mit dabei waren auf der Tour. Alle nur, um uns willkommen zu heißen. Frank und ich haben unterwegs schon beschlossen, dass es heute kein Abschied für immer wird. Wir werden den Weg nochmal gehen, sogar noch in diesem Jahr. Und mit den Menschen, die mir besonders ans Herz gewachsen sind... Bleibe ich in Kontakt. Sonia zum Beispiel habe ich schon ein paar Monate nach dem Sentier wieder gesehen und auch mit ein bisschen zeitlichem Abstand war die Wirkung des Sentier noch deutlich spürbar.
- Speaker #3
Klar,
- Speaker #4
so eine Erfahrung wie auf dem Sentier hinterlässt Sprüren. Ich habe mich schon während der Wanderung so gut gefühlt, es war, als ob Erinnerungen wieder hochkamen. Die Erinnerung, dass das Wandern tief in unserer DNA verankert ist, dass wir Menschen zum Wandern gemacht sind und überhaupt nicht dafür sesshaft zu sein. Und ja, diese Erinnerung ist jetzt viel aktiver. Dann hat es sich einfach auch so gut angefühlt, in der Gruppe zu laufen, dass in den Monaten danach, wenn es mal ein bisschen schwierig wird, ich einfach die Augen schließen und mich wieder mit diesen Bildern, diesen Landschaften, diesen Geräuschen, dem Gesang in der Kirche, dem Lachen, das sie geteilt haben, verbinden muss. Und sofort geht es mir besser. Das ist es. Es ist wie ein Ankerpunkt, ein Zufluchtsort, an den ich mich zurückziehen kann. Und dann sind da natürlich auch all diese unglaublichen Freundschaften, die sich auf dem Weg entwickelt haben und von denen einige sicher für eine lange Zeit Bestand haben werden. Und das ist wunderbar.
- Speaker #0
Ja, und dem, was Sonja gesagt hat. habe ich nichts hinzuzufügen, außer … Ah, ja, vielen Dank für all diese Erfahrung. Es war unglaublich. So, das war Staffel 2 von Inetappen. Weiter geht's auf die nächste schöne Wandertour irgendwo in Europa. Falls ihr einen Tipp habt, wohin es gehen soll, dann gerne her damit. Und ich freue mich natürlich auch sonst über euer Feedback, zum Beispiel über inetappen.de oder einen Kommentar bei Spotify und YouTube. Falls euch Inetappen gefällt, dann abonniert den Podcast gerne, dann bekommt ihr direkt mit, wenn die nächste Staffel erscheint. Bis dahin, tausend Dank fürs Zuhören und weiter viel Spaß da draußen.