- Speaker #0
Es ist ein Moment, in dem man innehält, in dem man sich mit dem Vertikalen verbindet, mit dem Unsichtbaren, mit einer anderen Dimension, mit etwas, das viel größer ist als man selbst. Was für eine krasse Belohnung am Ende dieser Strecke. In Etappen nimmt dich mit auf die schönsten Wandertouren in Europa und Großbritannien. In Staffel 2 geht's nach Frankreich, in die Normandie. Wir pilgern auf einem der ältesten Pilgerwege Europas, 100 Kilometer in vier Etappen, zum Mont Saint-Michel. Der Wecker klingelt heute Morgen sehr früh. Wir stehen mit dem Sonnenaufgang auf und es ist noch so frisch, dass unsere Finger, als wir das Kondenswasser in das Zelt ab... abbauen, gefühlt abfrieren. Fass mal an. Du hast ja auch kalte Hände. Die sind ja noch kälter als meine. Nachdem alles im Rucksack verstaut ist und wir auf der öffentlichen Toilette waren, um unsere Zähne zu putzen, treffen wir uns mit den anderen auf dem Dorfplatz. Und dort wartet eine Überraschung auf uns. Der Triteur, der uns gestern Abend noch mit Suppen und Salaten versorgt hat, hat ein kleines Frühstücksbuffet aufgebaut. Mit ein bisschen geschnittenem Baguette, Rhabarbermarmelade, Butter, Kaffee wäre sehr wichtig. Bei Kaffee und Baguette werden wir so langsam warm und richtig wach, bereit für die nächste Etappe. Bevor es losgeht, kommt noch der Bürgermeister von L'Anle Labie vorbei. Das macht er regelmäßig, wenn eine Gruppe PilgerInnen im Ort ist. Er kennt auch einige der Compagnons und heute, ja, heute klagt er sein Leid, denn... Die Dorfbäckerei, die ist seit Anfang des Monats geschlossen. Die Betreiber, die sind von L'Orn-Laye weggegangen. Und Bürgermeister Christian Derouet, der setzt alles daran, um eine Nachfolge zu finden. Das ist nicht einfach. Im Departement Orn stehen zum Zeitpunkt unserer Reise 84 Bäckereien zum Verkauf. Gut, aber vielleicht könnt ihr es ja so ein bisschen durchhören im Hintergrund. Christian Derouet. ist ziemlich engagiert bei der Sache. Und ich nehme es einfach mal vorweg, schon zwei Wochen nach unserem Besuch in Langley-L'Abbaye hatte der Ort wieder einen Bäcker. Also, hier auf dem Land muss man für den Erhalt der Infrastruktur kämpfen und deshalb verabschiedet sich der Bürgermeister mit einer Bitte von uns. Denken Sie an den Geldautomaten, heben Sie was ab. Wir müssen sicher sein, dass Sie uns den auch in Zukunft lassen. Wir brauchen Ihre Hilfe, die Hilfe von allen. Na klar. Wir ziehen noch ein bisschen Geld auf dem Weg raus aus dem Dorf. Danach führt die Straße leicht bergauf und uns steigt ein verführerischer Duft in die Nase. Wir laufen nämlich vorbei an der Biscuiterie de la Baie. Zum Glück haben wir gerade schon ein kleines Frühstück gehabt, weil der Duft, der hier rausströmt, ist verrückt. Es riecht so, so gut nach Keksen. Boah! Berühmt ist diese Bisküterie für sehr buttrige Sandkekse nach einem ganz, ganz alten Rezept. Die Fabrik, die Keksfabrik, die gibt es seit 1964, aber das Rezept, das ist schon viel älter. Nach der Keksfabrik geht es runter von der Straße und ab hier sind wir fast nur noch in der Natur unterwegs. Der Weg führt durch die typischen Bokage-Wälder der Normandie. Eine Mosaiklandschaft aus knorrigen Eichen und Buchen, durchzogen von Hecken, die Weiden voneinander trennen. Jetzt im März ist der Boden an vielen Stellen matschig. Zum Teil balancieren wir über dicke Äste, um tiefere Matschlöcher zu überqueren. Immer wieder eröffnen sich vor uns weite Blicke über sanfte Hügel, bis wir das Tal des Flusses Sans erreichen. Hier wird die Landschaft dramatischer. Steile Granitwände schießen aus dem Boden Überreste des amerikanischen Massivs. Und inmitten dieser Felskulisse liegt die Welt. Diffos Arthur, Schauplatz einer alten Legende.
- Speaker #1
Die Legende besagt, dass der legendäre König Arthur mit seiner Frau Gwinnewehr hierher kam, um sich zurückzuziehen. Doch es gibt einen Geist hier an diesem Ort, den man um Erlaubnis bitten muss, wenn man hierbleiben möchte. Der Geist, der Beschützer des Ortes, sagte zu den beiden, okay, einverstanden, aber es gibt eine Regel, die ihr einhalten müsst. Ihr dürft euch vor Sonnenuntergang nicht sehen. Wenn die Sonne untergegangen ist, könnt ihr tun, was ihr wollt. Hm, natürlich wollte Arthur seine Frau nicht nur nach Sonnenuntergang sehen und er hielt sich nicht an die Abmachung. Ja, und dann rälte der Geist sein Urteil. Der Boden öffnete sich unter Arthurs und Guinevere's Füßen und sie wurden in einen unendlichen Abgrund gesogen. Wir wissen nicht, ob es so war. Ob sie tot sind? Wir wissen nur, dass sie weit weg sind. Vielleicht schlafen sie auch.
- Speaker #0
Während die anderen aus der Gruppe auf den großen Steinen am Fluss Pause machen, zeigt mir Michael Guinevias Höhle.
- Speaker #1
Wir gehen jetzt zu der Öffnung im Felsen, wo Guineva lebte.
- Speaker #0
Und er erzählt mir von einem anderen Mysterium, das er hier vor einiger Zeit beobachtet hat.
- Speaker #1
Ich habe hier mal Folgendes beobachtet. Da ist ein großer Stein, der wie ein quadratischer Würfel aussieht. Wenn man dort am Ufer sitzt, sieht man diesen Stein. Eines Tages wollten wir gerade wieder von hier los. Da kamen acht oder neun Leute, alle mit einem Stock. Sie gingen einmal um den Stein herum, zweimal um den Stein herum und kletterten dann auf den Stein drauf. Und dann standen sie in vier Richtungen. Sie machten das, Und eigentlich wollte ich sie fragen, hey, was macht ihr denn da? Aber es war zu spät, wir mussten wieder los. Ich habe es einfach gut sein lassen. Ein paar Monate später kam ich wieder vorbei. Da sah ich drei Leute kommen. Irgendwann kam einer von ihnen auf den Wasserfall hier zu, warf etwas ins Wasser. Dann umrundeten die drei den Stein noch zweimal und stiegen hinauf. Damals war ich allein hier und dachte mir, okay, ich habe Zeit, ich schaue mir das mal an. Also bin ich den Weg da lang gegangen. Ich bin raufgestiegen und die Gruppe, die waren auf dem Stein. Aus Respekt habe ich zu mir gesagt, okay, ich gehe ein bisschen zurück und warte, bis sie fertig sind. Wenn es eine Zeremonie ist, möchte ich sie dabei nicht stören. Ich habe nicht lange gewartet, vielleicht zwei, drei Minuten, aber als ich wieder hinaufstieg, waren die drei. Wie vom Erdboden verschluckt, einfach verschwunden.
- Speaker #0
Ja, das klingt ein bisschen abgefahren. Als ich aber danach dann noch ein Stück weiter laufe, sehe ich vor mir mitten im Wald eine Gruppe von Menschen, die sich um einen großen Menier, einen großen Hinkelstein versammelt hat. Und die stehen dort ganz still, ohne sich zu bewegen. Ich bin wahnsinnig neugierig und würde wirklich gerne wissen, was sie dort machen. Ich traue mich aber nicht näher ran, weil ich ihr Ritual nicht stören möchte. Also, hier die Foss Artur ist wirklich ein besonderer Ort und es ist ein bisschen schade, dass wir bald schon wieder weiter müssen. Der Weg führt weiter durch den Wald. Auf eine Anhöhe mit Weideflächen bis zu einem Bauernhof. Das ältere Ehepaar, das hier lebt, das erwartet uns schon und hat Kanister bereitgestellt. Wer möchte, kann hier seine Wasserflasche auffüllen. Das ist ein Problem mit dem Wasser, oder? Wenn die extra Wasser anstecken. Wahrscheinlich habe ich jetzt noch keine Wasserstelle gesehen, außer in der Frosartur. Kurz danach machen wir dann auf einer Lichtung im Wald Mittagspause. Ja, tatsächlich, wir machen schon wieder Pause. Ich finde es großartig. Ich finde die Pausen auch toll. Ich meine, man nimmt sich die Zeit. Sich umzuschauen. Vorhin war es natürlich wunderschön an dem Fluss. Es ist ein Laufen dann auch nicht so ein, ja wir müssen das jetzt schaffen. Jetzt haben wir die 20 Kilometer vor uns oder 28 sind es heute und jetzt müssen wir durchziehen. Das Laufen geht so ein bisschen nebenher. Also es ist wirklich eine tolle Erfahrung. Wir teilen unseren Proviant in der Gruppe. Ein, zwei Flaschen Wein machen die Runde. Und ja, wahrscheinlich ist es das, was man Savoir-Vivre nennt. Immer mal wieder innehalten und einfach nur die Schönheit des Moments genießen. Hinterher läuft es sich dann auch viel leichter. Quirinon, eine der Compagnons, erzählt uns, dass das anstrengendste Stück Strecke aber noch vor uns liegt. Zwei Anstiege haben wir noch auf den letzten sieben Kilometern der Etappe. Das wird hinten raus nochmal knackig. Und deshalb machen wir gleich noch einen besonderen Stopp. Wir halten an der Kirche Notre-Dame de l'Assomption. Und Carinor sagt, wir sollen dort am besten... alles zurücklassen, was wir nicht unbedingt mit uns rumschleppen müssen, bildlich gesprochen. Ja, mal schauen, wie gut das funktioniert. Es ist schon später Nachmittag, als wir an der Kirche ankommen. Der Abstand in der Gruppe, der hat sich über den Tag etwas vergrößert, so dass es ein bisschen dauert, bis alle da sind. Ja, und was dann passiert, wird mir für immer als magischer Moment in Erinnerung bleiben. Als wir alle in der Kirche Platz genommen haben, beginnt Lena. eine der Pilgerinnen auf ihrer Flöte zu spielen. Und nicht nur bei mir laufen die Tränen. Nach Lenas Melodie singen wir zum ersten Mal gemeinsam das Pilgerlied der Mikelos, der PilgerInnen, die auf dem Weg sind zum Monster Michel. Wir lassen die Musik noch ein paar Minuten in Stille in uns ausklingen, treffen uns dann auf dem Vorplatz der Kirche und ich habe das Gefühl, wir spüren alle, dass gerade eben was mit uns passiert ist. Pilgerin und vor allem auch als Gruppe. Ich nehme Lena in den Arm und bedanke mich für ihr Lied. Es war das allererste Mal heute, dass sie vor Publikum gespielt hat. Ja, und auch ihr laufen noch die Tränen über das Gesicht. Es war das erste Mal heute, dass ich in einer Kirche gespielt habe und ja, vor allem vor Leuten. Also, es war wirklich super intensiv für mich, weil mir klar war, dass es ein verrückter Moment werden würde. Was die Schwingungen angeht, verstehst du, dass die anderen wirklich berührt sein würden. Und das wurde mir schon bei der ersten Note klar. Ich dachte, oh, das wird verrückt. Und da fing ich an zu weinen und ein bisschen zu zittern. Und ich habe versucht, nicht den Atem zu verlieren, weil sonst nichts mehr geht. Aber ja, das war es. Das war also wirklich das erste Mal. Lena hat ihre Flöte selbst aus einem Stück Bambusholz gebaut und ihre Musik, die entsteht einfach im Moment. Und weißt du, ich bin wirklich ganz im Moment. Und eigentlich kommt das ganz von selbst. Ich lasse mich einfach treiben. Ja, das ist alles ganz intuitiv. Ich glaube, diesen Flow, den konnte eben jeder in der Kirche spüren. Ein wirklich großes Geschenk, das uns Lena da gemacht hat. Wir sind jetzt auf jeden Fall bereit für die letzten Kilometer des Tages. Und schon bald startet auch der erste Anstieg. Ich muss gestehen, nach all dem, was die anderen darüber erzählt haben, Hatte ich es mir wesentlich schlimmer vorgestellt. Der Anstieg, der zieht sich zwar, ist aber nicht besonders steil. Wer oben ankommt, wird mit Applaus begrüßt. Oh Mann, ich möchte in Zukunft bitte nur noch so wandern. Während des zweiten Anstiegs dann bricht die Dunkelheit ein. Im Schein der Stirnlampen laufen wir bergauf, auf einem Pfad durch den Wald bis zu einer kleinen Kapelle, der Petite Chapelle von Mortain. Hinter der Kapelle befindet sich eine Aussichtsplattform und von hier können wir bis zur Küste schauen. Wir sehen nicht mehr viel, weil es eben schon stockfinster ist, nur viele kleine Lichtpunkte und einer davon ist der Mont Saint-Michel. Wir sammeln uns nochmal alle vor der Kapelle und machen uns dann auf den Weg in unsere Unterkunft für die Nacht. Die Straßen von Mortain sind still, man hört nur unsere leisen Gespräche und den Hall unserer Schritte. Im Schein der Straßenlaternen laufen wir noch gut zwei Kilometer bis zur Moulin des Quatre-Tons, einer alten Mühle, die inzwischen als Pilgerherberge dient. Krass.
- Speaker #1
Ja,
- Speaker #0
es ist wirklich erstaunlich. Wir haben ja das ganz normale Paket gebucht mit eigentlich Unterkunft draußen und jetzt sind wir hier angekommen. Und wir sind quasi in eine große Halle reingelaufen und in dieser großen Halle sind nochmal Zelte aufgebaut. Und in diesen Zelten liegen... Matratzen, schon bereit für uns und Kissen und das bedeutet, wir müssen uns einfach quasi nur noch den Schlafsack ausrollen. Doppelmatratzen. Wir haben sogar eine Doppelmatratze. Wir müssen nur noch den Schlafsack ausrollen und sind dann schon fertig. Verrückt. Das ist ja ein kleines Wohnzimmer hier. Mit Sesseln und Sofas und draußen wirklich wunderschön. Ganz viele Stühle, ein Feuer in der Mitte. Boah, was für eine krasse Belohnung am Ende dieser Strecke. Also, mega cool. Richtig, richtig schön. Die Nacht in unserem Schlafzelt auf den weichen Matratzen in der Scheune der alten Mühle von Mortain war gemütlich, aber für mich war sie auch ein bisschen aufregend. Ich gebe euch jetzt mal kurz drei Sekunden, um zu überlegen, was... Das Unangenehmste ist, dass euch passieren kann, wenn ihr auf einer mehrtägigen Wanderung in einer Gruppe unterwegs seid. Ja, wenn eure Antwort Durchfall ist, dann 100 Punkte. Genau das hat mich erwischt. Das Wasser in meiner Flasche, das hatte gestern am Nachmittag einen ganz leicht komischen Geschmack. Möglicherweise kam es daher, ich weiß es nicht. Wir haben keine Tabletten mit gegen den Durchfall. Das heißt, ich muss da jetzt erstmal durch. und das seit letzter Nacht zu einer Er hat für mich echt doofen Situationen geführt. Heute Nacht musste ich dann nochmal raus und ich wollte natürlich niemanden wecken, habe das Licht nicht angemacht. Wir müssen hier raus aus der Halle und dann ins Gebäude rüber auf die Toilette, als ich zurückkam, genau das Gleiche. Und es war so finster und ich bin da so durch unser Schlafzelt getapst, habe mich so vorgetastet von Matratze zu Matratze, habe mich dann Ich habe Beine gespürt, habe mich dann auf ein falsches Bett gesetzt und ich hatte einen Moment kompletter Desorientierung. Wirklich, es war finster und ich wusste nicht mehr. Wohin? Es war einfach nur schwarz und ich war lost und ich habe mich in diesen Gang dazwischen gesetzt und habe gesagt, okay, ich bleibe jetzt einfach hier bis alle aufstehen, bis zum Morgen. Ich bewege mich nicht mehr. Ich möchte keinen Lichter machen. Ich möchte niemanden aufwecken. Ich möchte niemanden stören. Ich bewege mich jetzt einfach nicht mehr. Und dann saß ich da eine Minute und irgendwann habe ich mir einen Ruck gegeben. Und meine Augen hatten sich ein bisschen gewöhnt an die Dunkelheit und dann habe ich den Ausgang von dem Schlafzelt gesehen, bin da raus, habe mich kurz gesammelt, ganz schnell das Licht angemacht, reingeleuchtet ins Zelt, geguckt, wohin ich muss und dann bin ich zu unserer Matratze gekrabbelt. Aber es war tatsächlich, es klingt nach einer Kleinigkeit, aber es war wirklich ein beängstigender Moment. Ja, wenn ich das jetzt so erzähle, dann klingt das vielleicht alles nicht so dramatisch, aber dieser Moment, das... komplett Verlorenseins in der Dunkelheit. Das möchte ich ehrlich gesagt nie wieder haben. Das nächste Mal mache ich gleich ein bisschen Licht. Das stört die anderen auch sicher weniger, wie wenn ich dann in der Dunkelheit plötzlich in ihrem Bett lande. Den Durchfall, den bin ich heute Morgen noch nicht los. Ich checke gleich mal, wann wir auf dem Weg an der nächsten Apotheke vorbeikommen. Vielleicht noch mal einen kurzen Rewind zu gestern Abend. Das waren... absolutes Verwöhnprogramm. Nicht nur die weichen Matratzen, wir konnten im Haus alle duschen, saßen gemeinsam noch am Feuer draußen. Es gab ein mehrgängiges Abendessen an langen Tafeln. Von der Stimmung fühlte sich so ein bisschen an wie im Speisesaal von Hogwarts. Also für alle von euch, die was mit Harry Potter anfangen können. Und auch heute Morgen wartet im großen Gemeinschaftssaal ein Frühstücksbuffet auf uns. Wir können uns Sandwiches für unterwegs zubereiten und Und das hier in der Altmühle, das funktioniert auch mit dem Donativo. Also wer mag und kann, spendet. Und damit werden dann die nächsten Pilgerinnen und Pilger hier versorgt. Bevor wir heute auf die nächste Etappe starten, müssen wir uns leider noch verabschieden. Fred, der uns in Champs-Écrits das Ankommen so leicht gemacht hat, fährt nach Hause. Ich bin es gewohnt, sehr schnell zu gehen. Und ja, dann war es wohl Schicksal. Ich musste in der Bewegung anhalten und habe mir dabei den Knöchel verstaucht. Fred hat sich verletzt, er kann so nicht mehr weiterlaufen. Und auch wenn ich ihn erst jetzt seit zwei Tagen kenne, bin ich schon ein bisschen traurig, dass er für den restlichen Weg nicht mehr dabei sein wird. Fred dagegen, der nimmt es ganz gelassen. Es ist schon ein bisschen hart, aber ich habe mir gesagt, auch wenn es nur zweieinhalb Tage sind, sind es immer noch zweieinhalb Tage, die sehr schön waren für mich. Und ich werde den Sentier das nächste Mal einfach wieder gehen. Das ist nicht das Ende der Welt. Das Abenteuer. geht einfach weiter. Wir starten nach der Verabschiedungsrunde. Heute 22 Kilometer bis nach Isigny-le-Buyat. Dieser Ortsname, der ist euch vielleicht schon mal im Supermarkt in der Kühlabteilung begegnet. Isigny ist bekannt für Butter und andere Milchprodukte. Auf der Packung der Kekse, die wir in Lanlè gekauft haben, da stand auch ganz groß drauf, hier ist Butter aus Isigny drin. Die satten Wiesen in der Normandie, die machen die Milch der Kühe extra reichhaltig. Perfekt nicht nur für den Camembert, sondern eben auch für die berühmte Butter aus Isigny-le-Buyat. Ja und ihr hört's, die Stimmung in der Gruppe, die ist heute Morgen sehr gelöst. Es wird viel gelacht und geplappert und die ersten Kilometer sind auch landschaftlich nochmal richtig schön. Wir schauen zurück auf die Abbey Blanche, ein... ehemaliges Zisterzienserinnenkloster aus dem 12. Jahrhundert, wandern vorbei an zwei Wasserfällen und halten wie jeden Morgen für einen Moment der inneren Einkehr an einer Kirche an. Als Kind und Jugendliche war ich regelmäßig in der Kirche. Kommunion, Firmung, katholischer Religionsunterricht, Gospelchor, das habe ich alles mitgenommen und fand es auch sehr schön. Irgendwann hat es sich dann aber verändert. Ich weiß nicht, ob man es so sagen kann. Mein spiritueller Horizont hat sich ein bisschen gewaltet. Mein Papa ist Buddhist. Ich habe angefangen, mich damit zu beschäftigen und auch gesehen, dass es für mich paar Dinge in der katholischen Kirche gibt, die ich nicht mittragen möchte. Heute ist mein Glaube was ganz Persönliches, was sich keiner bestimmten Religion zuordnen lässt. Und ja, ich habe es ja schon gesagt, was wirklich interessant ist, auch wenn wir uns auf diesem Pilgerweg immer wieder in Kirchen versammeln, um einen Moment in Ruhe zu sein, durchzuatmen, gemeinsam zu singen, habe ich das Gefühl, dass es nicht an eine bestimmte Religion gebunden ist, sondern ganz offen. Darüber habe ich auf dem Weg auch mit Sonja gesprochen.
- Speaker #1
Für mich ist es auch magisch. Ich habe keine bestimmte Religion, aber ich habe einen sehr starken Glauben. Und es ist ein Moment, in dem man innehält, in dem man sich mit dem Vertikalen verbindet, mit dem Unsichtbaren, mit einer anderen Dimension, mit etwas, das viel größer ist als man selbst. Und dazu kommen noch diese wunderschönen Gesänge, vor allem der Gesang der Pilger. Mich hat dieses Lied der Pilger sehr berührt und das ist nichts Religiöses. Es ist einfach so, als würde man sich mit den Seelen all der Nomaden verbunden fühlen, die vor uns da waren und die den Sanchez vor uns gegangen sind. Siehst du, genau das ist es. Es ist, du machst morgens eine Pause in der Kirche, öffnest dich, lässt Raum und dann... Ja, dann läuft es von selbst, es fließt von selbst. Und du findest dich wieder in etwas Größerem als dir selbst. Das ist alles. Und das ist ganz schön viel.
- Speaker #0
Dieses Verbundensein, das überträgt sich auch irgendwie auf das Miteinander in der Gruppe. Immer wieder ergeben sich intensive Gespräche und das geht, trotz meines eher Basic-Französisch. Ich muss gestehen, es ist wirklich schön. diese Wanderung in der Gruppe zu machen. Und das nehme ich jetzt einfach schon mal als eine Pilgererkenntnis mit nach Hause. Landschaftlich hat diese dritte Etappe, wenn man mal an den zwei Wasserfällen vorbei ist, Eher weniger zu bieten. Als wir am Vormittag eine Mittagspause machen, gibt uns Michael einen kurzen Überblick über den weiteren Verlauf der Strecke heute. Heute liegt die Ouavea vor uns. Darauf läufst du immer geradeaus weiter.
- Speaker #2
Solange du die Straße nicht verlässt, kannst du dich nicht verlaufen.
- Speaker #0
Du kannst ganz in deinem eigenen Tempo gehen.
- Speaker #2
Aber wenn du nicht weißt,
- Speaker #0
wo du anhalten sollst,
- Speaker #1
kommst du zum Mont Saint-Michel.
- Speaker #2
Heute Abend werden wir da aber noch nicht sein.
- Speaker #0
Es ist schon schön. Die Landschaft ist wirklich wundervoll. Aber tatsächlich ist der Weg eben mehr oder weniger immer geradeaus und immer gleich. Es geht wenig rauf oder runter oder so. Und das ist natürlich im Kontrast zu der abwechslungsreichen Strecke bislang, die letzten zwei Tage, ist das natürlich dann schon extrem eintönig vom Weg her. Für mich ist es ehrlich gesagt ganz gut, dass die Strecke heute nicht sehr anspruchsvoll ist. Die Nacht, die hängt mir noch nach. Laufe viel still vor mich hin, bin in Gedanken und nichts auf dem Weg lenkt davon ab. Es geht immer geradeaus. Der Weg, der ist gesäumt von Bäumen und Grün wie eine lange Allee und ab und zu mal ein paar Häuser. Vor mir läuft Veronique und sie hört, während sie läuft, Musik aus ihrem Handy. Dabei wirkt sie ganz versunken.
- Speaker #3
Also diese Musik, ich bin in einer Gruppe von Freunden und wenn wir uns sehen, beenden wir das Treffen, indem wir einen großen Kreis bilden und dieses Stück von Bach hören. Jedes Mal, wenn ich es höre, da wir es schon so oft gehört haben, ist es ein ganz besonderer Moment, in dem wir uns an den Händen halten, in dem wir miteinander sind und es ist, als wäre ich mit Ihnen in diesem Kreis und wir, also unsere Gruppe hier, wir wären in dieser Musik zusammen. und würden uns im Takt wehen.
- Speaker #0
Als weitere Unterstützung hat Veronique ihren Pilgerstab mit dabei.
- Speaker #3
Es ist ein Stab aus Buchsbaumholz. Das heißt, er war genau so. Das ist eine Wurzel und hier oben drauf, das ist ein Zitrinstein. Es ist ein Stab, der auf besondere Weise hergestellt wurde, nach einer Lehre von Patrick Burensteiners, einem Alchemisten.
- Speaker #0
Der Stab, der hat Veronique auch schon auf dem Jakobsweg begleitet. Sie ist im Jahr davor ganz alleine von Paris bis Santiago di Compostela gelaufen.
- Speaker #3
Ja, wenn ich lang allein gelaufen bin, da hat mich manchmal der Stock vorangetrieben, einfach weil er da war. Das waren so Momente, in denen ich dachte, was mache ich hier eigentlich und all das. Und dann war da der Stock. Und was ich sehr liebe, wenn ich durch Straßen, Städte, über Land und so weiter gelaufen bin, ist, dass ich das Gefühl habe, der sehr... Eine universelle Resonanz erzeugt, weißt du, er verbindet viele Punkte miteinander. Und es ist, ja, es ist wie eine Verbindung, eine Einheit, die er jedes Mal herstellt, wenn er den Boden berührt, wenn er ihn trifft. Er verbindet alle Orte miteinander.
- Speaker #0
Auch die meisten anderen PilgerInnen, die schon öfter unterwegs waren, haben einen Pilgerstab aus Holz. Und wenn man genau hinschaut, dann scheint jeder Stab so ein bisschen eine eigene Persönlichkeit zu haben, durch seine Form und auch die Art und Weise, wie er verziert ist. Gaetan ist einer der Compagnons, er ist den Weg schon öfter gelaufen und ihn verbindet sein Pilgerstab sprichwörtlich mit seinen Wurzeln.
- Speaker #2
Dieser hier hat tatsächlich eine ganze Geschichte. Das war ein Griff für ein landwirtschaftliches Gerät, der in der Scheune meiner Großeltern war. Später habe ich herausgefunden, dass es Akazienholz ist und Akazien haben eine religiöse Symbolik. Die Dornenkrone Jesu war aus Akazienholz, aus echtem Akazienholz. Das hier ist Rubinier, eine andere, etwas französische Ressorte. Und auch in der Scheune meiner Familie, auf dem Stirnteil eines Pferdegeschirrs, da war dieser Stern. Ja, das ist ein Sporn. Den macht man sich an die Ferse, um Pferde anzutreiben, damit sie vorwärts gehen. Der Orden des Saint-Michel, einer Bruderschaft des Saint-Michels, ist ein achtsackiger Stern. Und dieser Sporn hier, der hat auch acht Zacken. Also, da haben wir wieder die landwirtschaftliche Welt meiner Familie. Und als ich diesen Stock zum ersten Mal in die Hand nahm, war das symbolisch gesehen, um meine Familie mit auf den Weg zu nehmen.
- Speaker #0
Wir hatten ja schon darüber gesprochen, was das Pilgern vom Wandern unterscheidet. Der Wunsch, sich auch auf einen Weg nach innen zu machen. Und ich finde es ganz spannend, dass so etwas Materielles, Handfestes wie ein Stab aus Holz offenbar auch auf diesem Weg unterstützen kann. Es gibt aber natürlich auch PilgerInnen, die einen ganz praktischen Ansatz gewählt haben. Die haben einen Regenschirm dabei, der, wenn es trocken ist, einfach als Pilgerstab dient. Das ist heute ganz geschickt, denn während wir die vergangenen zwei Tage eigentlich durchgängig bei Sonnenschein unterwegs waren, bekommen wir heute ein paar Regentropfen. Deshalb skippen wir die Mittagspause in der freien Natur und laufen weiter in den kleinen Ort Santillera. Am Ortseingang ist eine Wanderhütte, dort können wir unsere Rucksäcke im Trocknen abstellen. Manche gehen über die Straße rüber in ein kleines Restaurant zum Mittagessen. Und Frank und ich, wir laufen runter ins Zentrum zur Apotheke. um endlich die Durchfalltabletten zu besorgen. Und wir kaufen auch noch eine frische Wasserflasche für mich. Ich bin nicht die Einzige. Auch ein paar der anderen haben mit Wehwehchen zu kämpfen heute. Dicke Blasen, die das Laufen in den Wanderschuhen unmöglich machen. Müde Beine oder... einfach ein bisschen Erschöpfung. Wir nutzen die Mittagspause, um gemeinsam durchzuatmen, frische Pflaster und Verbände anzulegen. Und ich sage ganz bewusst wir, weil dieses Zusammensein in der Gruppe auf jeden Fall ein bisschen dazu beiträgt, dass die, die es brauchen, sich gestützt fühlen. Also auch das ist eine wirklich schöne Erfahrung, die Sonja so beschreibt.
- Speaker #1
Das ist die Magie der Gruppe. Es entsteht eine Art kollektives Bewusstsein. Jede Gruppe hat ihre eigene kollektive Kraft, die mit der Seele der Gruppe verbunden ist. Und ich glaube fest daran, dass es in jeder Gruppe, die sich zusammenfindet, keinen Zufall gibt. Es entsteht immer eine Seele. Diese entdeckt man nach und nach, während man selbst durch die Erfahrung wächst. Für mich ist es immer wieder magisch, nach und nach die Seele der Gruppe zu entdecken und zu sehen, dass jeder Einzelne sein Herz jeden Tag ein bisschen mehr öffnet. Und mich trägt das auf jeden Fall.
- Speaker #0
mein Herz zu öffnen. Von Saint-Hilaire sind es nur noch ein paar Kilometer bis zum Ziel der Etappe. In Isigny-le-Buey schlagen wir, nach einem kleinen Stopp in der Dorfkneipe, unser Zelt neben einem Skate- und Fußballplatz auf. Frank und ich, wir besorgen uns im Supermarkt noch eine Tetra Pak Suppe, die machen wir auf dem Gaskocher warm, eingekuschelt in den Schlafsack. Die Suppe, die tut gut. Inzwischen mache ich mir aber schon ein bisschen Sorgen, weil so richtig haben die Durchfalltabletten bis jetzt noch nicht gewirkt. Und morgen steht das große Finale, die letzte große Etappe zum Mont Saint-Michel an. Und ich drücke einfach so fest die Daumen, dass bis morgen wieder alles in Ordnung ist.
- Speaker #1
Gut,
- Speaker #0
jetzt erstmal voll auf und dann geht's früh ins Bett. Wo schlafen wir denn morgen Abend? Ich habe ehrlich gesagt keine Ahnung. So wie jeden. Aber es ist eine Überraschung. So klingt der Morgen am Mont Saint Michel. Unser kleiner Unterschlupf für die Nacht ist abgebaut. An der Stelle, an der wir unsere Plane mit den Matten und dem Tag drüber hatten, steht 5 cm hoch das Wasser. Trotz aller Vorkehrungen. So nass wie heute Morgen waren wir tatsächlich noch nie. In Etappen ist eine Produktion von mir, Jasmin König, aber dieser Podcast ist wirklich nur möglich durch die vielen Menschen, die mir dafür ihre Geschichte erzählen. Von Herzen danke an die Compagnons du Sentier und an alle Pilgerinnen und Pilger, die uns auf diesem Weg begleitet haben. Und dir vielen Dank fürs Zuhören. Wenn dir In Etappen gefällt, freue ich mich über deinen Kommentar oder deine Bewertung, zum Beispiel bei Apple Podcasts oder bei Spotify. Und natürlich auch, wenn du anderen davon erzählst. Dir ganz viel Spaß da draußen und vielleicht bis gleich bei Folge 3.